Kultur : Rhetorik der Liebe

KLASSIK

Christian Kässer

Rhetorik kann ja so geistlos sein – aus der Studierstube stammende Standardversatzstücke, vom Fließband fallende Floskeln, regelgerechtes Repetieren, tote Topoi. Wie spannend aber richtig verstandene Rhetorik werden kann, haben die Berliner Barock Solisten im Kammermusiksaal der Philharmonie gezeigt: Neben Bachs fünftem Brandenburgischen Konzert waren es besonders die drei Solokonzerte von Georg Philipp Telemann – eigentlich immer verschrien als ein Fließbandnotensetzer par excellence –, die das Ensemble dazu verführten, die Intensität und Aussagekraft hochrhetorischer Musik zu demonstrieren. Voraussetzung dafür war der vibratoarme, von der Originalklangtradition geprägte Ton, aus dem sich ein bunter Strauß verschiedenster Diktionen und Stimmungen nährt, der so gar nichts mehr von der bei Originalklangfetischisten oft vorherrschenden Sterilität hat. Mit Verve und punktgenauer Eleganz etwa artikuliert Albrecht Mayer die Solostimme in Telemanns Konzert für Oboe d’amore, das – wie dankt man es ihnen! – die Musiker auf einem westfälischen Schloss aufgestöbert haben. Nicht minder lebendig, aber im Charakter beschwingter gestaltet Emmanuel Pahud das Flötenkonzert, jedes harmonische oder rhythmische Detail sorgfältig herausarbeitend. Unterstützt wurde er dabei vom Ensemble, das gerade die Akkordreihen am Beginn dieses Konzerts hinreißend ausbalancierte und auch im abschließenden Tripelkonzert die beiden Solisten, zu denen sich noch Wolfram Christ an der zarten Viola d’amore gesellte, mit exakten Vorlagen versorgte. Und spätestens jetzt war jeder im Saal zum glühenden Rhetoriker geworden.

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