Kultur : Rhythmen sind überall gratis

RALPH GEISENHANSLÜKE

Tablas sind heilige Instrumente, jedenfalls für den Dreizehnjährigen, der mit ihnen auf Reisen geht: Zakir Hussain ist der festen Überzeugung, seine Trommeln dürften den Boden nicht berühren.Eine Tagesreise lang lagert er, die hölzerne Dayan und die kesselförmige Baßtrommel Banya auf dem Schoß, in einem überfüllten Zug auf dem Boden und fiebert seinem Konzert entgegen.Es ist nicht sein erstes.Zakirs Vater, Alla Rankhar ist einer der angesehensten Musiklehrer Indiens.Er hat dem Jungen schon auf dem Bauch der Mutter die ersten Ragas eingetrommelt.Mit sieben sitzt Zakir zum ersten Mal auf der Bühne.Rankhar wird 1969 mit dem Sitar-Spieler Ravi Shankar in Woodstock auftreten und die Indiensehnsüchte der Hippies prägen, Sohn Zakir wird in den Siebzigern mit dem Gitarristen John McLaughlin die Jazz-Rock-Gemeinde begeistern.Aber jetzt sitzt Zakir allein im Zug von Bombay in die Provinz.Er hat das Engagement anstelle seines Vaters angenommen, die Familie weiß von nichts.

Die Aufregung ist längst verflogen.Mittlerweile lebt Hussain gewissermaßen auf der Bühne.Sein Gesicht zeigt Gelassenheit und Konzentration, wenn er zu langen Improvisationen über die aberwitzig ungeraden Metren indischer Ragas anhebt und sie immer wieder verblüffend auflöst.Hussains subtile Technik und sein unermeßlicher Erfindungsreichtum lassen jedes Stück, vor allem aber die Duette mit seinem mittlerweile 80jährigen Vater, zu einer musikalischen Pretiose werden, die denen der vermeintlich überlegenen europäischen Klassik an Komplexität nicht nachsteht.

Tablas werden nicht mit der ganzen Hand gespielt, sondern mit den Fingern.Der Ton der tiefen Banya läßt sich durch Druck des Handballens variieren.Wie verwachsen der Trommler mit seinem Instrument ist, wird deutlich, als er zum Scherz die Melodie des "Rosaroten Panther" auf einer (!) Trommel aus den Fingergelenken schüttelt.Dieser Virtuose wird zwar weltweit als Halbgott der Tablas verehrt, aber er ist ein klarer und unbefangener und begeisterungsfähiger Mensch geblieben.

Doch Lutz Leonards Film "Zakir and his Friends" zeigt nicht nur ein Porträt des Meisters, sondern will - in gelegentlich etwas unvermittelten Wechseln - die globale Gültigkeit der Sprache Rhythmus zeigen.Indische Waschfrauen geben beim Ausschlagen der nassen Wäsche ein Motiv vor, das mit Bauern auf Bali korrespondiert, die den Reis dreschen.Er zeigt Kinder in Venezuela, die in Ermangelung von Instrumenten auf ihren hohlen Wangen Samba spielen, westafrikanische Griots, die auf ihren Djembe-Trommeln Geschichten erzählen, eine Steel-Band in Trinidad.Und zwischendurch immer wieder: Alltag.Rhythmen stecken in den gewöhnlichsten Verrichtungen.Sie strukturieren die Zeit, regulieren die Stoffwechselgeschwindigkeit und sind überall gratis.

"Zakir and his friends" nimmt sich bei der Ausbeute aus vier Jahren Drehzeit ähnliche Freiheiten wie ein Musiker beim indischen Raga: Zusammenhänge werden nur vage hergestellt.Doch es ist schön zu sehen, daß die Völker der Welt vor Rhythmusgefühl nur so beben - mit Musikern, die weder in Weltcharts noch Trendmagazinen Beachtung finden.Das Ensemble Kodo etwa lebt auf der Insel Sado vor der japanischen Küste und bearbeiten Trommeln von bis zu zwei Meter Höhe und Durchmesser.Die Musiker sehen dabei aus, als trieben sie Kampfsport.Doch sie fließen im Groove und genießen sichtlich das - universale - Zen-Moment des Trommelns.

Broadway, fsk (OmU), Hackesche Höfe

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