Kultur : Rhythmische Urkraft

ECKART SCHWINGER

Das gewaltige pianistische Potential von Yefim Bronfman schlug wieder wie ein Naturereignis ein.Dabei tendierte Bronfman bei dem rhythmisch wild dahinstampfenden Klavierkonzert Numero 1 von Béla Bartok, das im ersten Programmteil des Philharmonischen Konzertes unter Daniel Barenboim zu erleben war, nicht im mindesten zu einem altmodischen Tastendonner, dem wenig differenzierende Pianisten bei dem schlagwerkwütigen Stück durchaus erliegen können.Zumal eben das Klavier hierbei selbst zum Schlaginstrument avanciert.Sicherlich, man hat es nicht vergessen, wie Bronfman, dem rhythmische Urkraft im Blut liegt, vor einigen Jahren in der Philharmonie mit dem RSO unter Ashkenazy das zweite Bartok-Konzert mit solcher Brisanz in den Flügel hämmerte, daß man schon etwas um das Instrument bangen mußte.Dennoch setzte auch diesmal ungleich mehr in Erstaunen, wie überaus fein und flexibel, wie still und zart er die magischen Momente ausleuchtete.Vor allem im langsamen Satz, in dem Bartok nächtlich düstere Geräusche auf spannungsreichste Art produziert.Da trommelte er im Dialog mit dem Schlagwerk auf seine Weise geheimnisvoll ruhig, unterhöhlte er gleichsam den Klavierton und färbte ihn beklemmend fahl ein.Im Finale fesselte er allerdings mit einer furiosen Steigerungskraft, einer förmlich explodierenden spielerischen Aggressivität.

Daniel Barenboim und die Philharmoniker griffen diesen aggressiven Bartokschen Ton auf, auch wenn bei ihnen nicht alles so nachtwandlerisch sicher kam wie bei dem mit diesem schwierigen Konzert verwachsenen israelischen Klaviervirtuosen russischer Herkunft, der seit Jahren in New York lebt.Zu überhören war auch nicht, daß das Zusammenspiel zwischen ihm, dem Orchester und Dirigenten am ersten Abend noch nicht optimal war.Um so glänzender waren danach die Philharmoniker und Barenboim bei Tschaikowskys "Pathétique" aufgelegt.Barenboim, der sich mit hochfahrendem Dirigiergestus mächtig ins Zeug legte und besonders den ersten Satz intelligent staffelte und mit klaren dramatischen Umrissen versah, tendierte insgesamt zu einer prunkvollen (amerikanischen?) Breitwandmalerei, zu einem vom dynamischen Siedepunkt kaum einmal herunterkommenden Dauerespressivo.Ihn trieb eine fast sportliche Lust zu gewaltiger Klangentladung an.Im zweiten Satz zum Beispiel hielt er nicht viel vom ausdrücklich geforderten con grazia, auch da schöpfte er sogleich aus dem vollen, und den dritten Satz trieb er zu einer unangenehmen, altmodischen Monstrosität hoch.Günter Wand, der Jahrzehnte älter ist als Barenboim, dirigiert selbst diesen Tschaikowsky weit weniger bombastisch, schlanker, aufgehellter, den dritten Satz tatsächlich mit außerordentlicher Grazie.Tschaikowsky wirkt eben moderner, wenn man konsequent ist in der Durchsetzung der Tempi, wenn man sehr genau vorgeht bei der Profilierung der Satzcharaktere.Effektvoller ist sicherlich Barenboims rauschender Tschaikowsky, zumal der überwältigende Streicher- und Bläsersound der Philharmoniker die Wände des Scharoun-Saales gelegentlich leicht zum Wackeln brachte.

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