Kultur : RIAS Big Band: Immer auf die Kleinen

Kai Müller

Es ist ein Tod auf Raten: Die Berliner RIAS Big Band, das einzige öffentlich geförderte Jazz-Orchester der Stadt, soll zum 31. August 2001 aufgelöst werden. Das sieht ein vom Kuratorium der Rundfunk-Orchester und Chöre GmbH (ROC) vorgelegter Beschluss vor, den die Gesellschafterversammlung noch absegnen muss. Damit trennt sich die ROC von seinem kleinsten Ensemble - und zerstört zugleich eine über 50-jährige Berliner Jazztradition.

Die RIAS Big Band wurde nach Auflösung des ehemaligen Alliierten-Senders 1994 in die ROC übernommen, doch war sie in der vom Bund, der Stadt Berlin, SFB und Deutschlandradio mit 56 Millionen Mark bezuschussten Trägergesellschaft "von Anfang an ein Stiefkind", wie Dieter Rexroth, Geschäftsführer der ROC, einräumt. Alle Bemühungen, das Orchester auf eine wirtschaftlich verträgliche Basis zu stellen, seien gescheitert, sagt er. Von den "Freunden der RIAS Big Band", die am Mittwoch auf einer Pressekonferenz über die Hintergründe der Abwicklung informierten, sind indessen ganz andere Töne zu hören. Der Vorsitzende Werner Müller beklagte Missmanagement und fehlende Rückendeckung seitens der ROC-Geschäftsführung. Seit Jahren seien alle Konzepte abgeblockt worden, mit denen man die Defizite auffangen wollte. Man habe das Ensemble ausgetrocknet: Von den 15 Planstellen sind nur noch 12 besetzt, der Posten des Chefdirigenten ist nach dem Ausscheiden von Jiggs Wigham ebenso verwaist wie der des Managers, auch der Produktionsetat ist drastisch zusammengeschmolzen. Unter solchen Umständen könne die RIAS Big Band nicht wirtschaftlich arbeiten, meinte Müller. Orchestersprecher Holger Nell zog kulturpolitische Konsequenzen: "Es drängt sich der Verdacht auf, dass Jazz nicht mehr als kultureller Wert betrachtet wird."

Nach langen Querelen hinter den Kulissen scheint die ROC keinen anderen Ausweg mehr aus der Finanzkrise zu wissen, als durch ein Bauernopfer: Die RIAS Big Band deckt mit etwa 2,7 Millionen Mark für Personal sowie 370 000 Mark für Produktionen zwar nur 5 Prozent des gesamten ROC-Etats ab, ist aber aus Sicht der Geschäftsführung der einzige entbehrliche Geschäftszweig. Vermutungen, dass durch die Auflösung der Jazzsparte die Verpflichtung des Stardirigenten Kent Nagano für das DSO finanziert werde, weist Rexroth von sich. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass Naganos künstlerische Kompetenz, die sich die ROC zusätzliche sechs Millionen Mark kosten lässt, das Schattengewächs Big Band überstrahlt. Die Pflege der symphonischen Musik hat politisches Gewicht in Berlin - gerade weil acht Symphonieorchester in der Stadt existieren. So wissen die ROC-Gesellschafter nicht: Warum ein Jazzorchester unterstützen, dessen Popularität die Eigenfinanzierung gewährleisten sollte? Auch die Musiker haben es ihnen nicht begreiflich machen können.

Die RIAS Big Band ist mit ihren tariflich abgesicherten Anstellungsverträgen das Relikt einer Zeit, in der öffentliche Rundfunkanstalten solche Ensembles zur Einspielung von Sendematerial benötigten. Als Konzertorchester ohne Abonnenten-Kreis können sie nicht überleben. Zumal sie dem Dilemma ausgesetzt sind, dass ein Zuwachs an Popularität die Förderungswürdigkeit in Frage stellt, aber ein Ausbau des innovativen Repertiores die Einnahmen mindert. Dennoch habe die RIAS Big Band, wie Müller empört bemerkt, eine Vorbildfunktion in der Stadt. Das stimmt. Vielleicht kann sie Maßstäbe auch als ein selbstständiges Unternehmen setzen.

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