RIAS-Kammerchor : Sprung über die Jahrhunderte

Unter der Leitung von Chefdirigent Hans-Christoph Rademann konfrontiert der Rias-Kammerchor bei seinem A-Cappella-Abend Madrigale des 16. Jahrhunderts mit zeitgenössischen Werken von Hans Werner Henze und Robert Zuidam.

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Der RIAS-Kammerchor
Der RIAS-KammerchorFoto: Matthias Heyde

Es ist merkwürdig, dass dieses Konzert des Rias-Kammerchors imstande ist, 400 Jahre Musikgeschichte – etwa Bach, Wagner, Schönberg – quasi beiseitezuschieben. Hans Werner Henze ist der Vermittler zwischen den Madrigalisten der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert und seinem Schüler und Freund Robert Zuidam, dem heute 49-jährigen niederländischen Komponisten. Die internationale Bedeutung Zuidams, die der Veranstalter apostrophiert, lässt sich durch die Uraufführung seines „Berliner Chorbuchs“ nicht recht untermauern.

Mit Henze verbindet ihn die Liebe zur Renaissance-Musik, zur figurativen Illustration, zum edlen Klang. Die vertonten Gedichte, ob von Ringelnatz, Günter Bruno Fuchs oder Aldona Gustas, stellen ergraute Gegenwart dar, in der die A-cappella-Komposition lautexperimentelle Momente aufblitzen lässt. Manifest bleibt der Eindruck einer gefälligen Moderne in alten Schläuchen. Freundlicher Beifall und kleines Buh im Kammermusiksaal.

Hier singt der Rias-Kammerchor mit seiner hohen Kunst klarer Intonation, die vokale Tongebung ist am Ideal instrumentaler Wirkung orientiert. Unter Leitung des Chefdirigenten Hans-Christoph Rademann, der alle diese Wunder hegt, bleibt Klangschönheit unerschütterlich in Chromatik und Dissonanz. Die Gleichartigkeit des Programms aber kommt zustande, weil Henze es stilistisch anführt mit „Orpheus Behind the Wire“, politischer Musik auf Texte seines bevorzugten Dichters Edward Bond. Der Tenor Volker Arndt wird darin als Primus inter pares präsentiert, denn der Chor besteht aus lauter Solisten, voran makellose Soprane. Espressivo, Reibungen, Klage fortissimo führen in besungene Freiheit: „Then I hear Music of Orpheus“.

Von schmerzlicher Freude und Seufzern in kühner Harmonik tönen Madrigale (1611) des Fürsten Carlo Gesualdo, bekannt als Mörder seiner Gattin und deren Liebhaber. Der wahre Avantgardist des Abends aber ist Claudio Monteverdi. Sein „Lamento d’Arianna“ gehört zum Gewaltigsten, was je musikalisch gedacht wurde. Affektgeladen, zu Tränen rührend, verfehlt die Klage der verlassenen Geliebten keine empfängliche Seele. Sie ist Fragment einer verschollenen Oper, die 1608 in Mantua Premiere hatte. Als Höhepunkt des Abends erklingt das Lamento der Ariadne in der Fassung des Meisters als fünfstimmiges Madrigal: „O Teseo, o Teseo mio.“

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