Kultur : Rias-Kammerchor unter René Jacobs - Entsetzen, fassungslos

Uwe Ffriedrich

Monumental langsam stimmen Rias-Kammerchor und Akademie für Alte Musik den Eingangschor der Mätthauspassion an: "Kommt, ihr Schwestern, helft mir klagen". Wenn das in dem Tempo weitergeht, kommen wir unter vier Stunden nicht wieder aus dem Konzerthaus. Doch dann zieht René Jacobs das Tempo merklich an, Rezitative und Arien kommen deutlich flotter voran. Hier betont Jacobs die theatralischen Qualitäten von Bachs Musik, ohne sie opernhaft aufzuladen. Die Dramatik dieser gestischen Musik entsteht aus dem heilsgeschichtlichen Gehalt. In diesem Konzept wird der ohnehin herausragende Part des Evangelisten noch einmal aufgewertet. Wenn Jacobs das Erzähltempo in den Chorälen deutlich verlangsamt, muss der Evangelist die Handlung wieder vorantreiben, um das Gleichgewicht der Teile zu wahren. In beinahe freier Rede macht der Tenor Werner Güra das fassungslose Entsetzen, große Trauer über das Geschehen deutlich. Dabei hilft ihm, dass er sich in dieser Rolle keine Konzentrationsschwäche leisten kann. Während er sonst gelegentlich nachlässig mit Silben und Phrasen umgeht, erreicht er hier größte Intensität durch äußerst bewusstes Singen. Unterstützt wird er dabei von der Continuogruppe des Akademie.

Eigentlicher Mittelpunkt der Aufführung ist jedoch selbstverständlich der Rias-Kammerchor. Wäre da nicht die existentielle Bedrohung dieses einzigen deutschen Chores von internationalem Ruf, man bräuchte kaum auf seine wunderbaren Qualitäten hinzuweisen. Nicht nur, dass der Chor wiederum durch Farbfülle, ausgewogenen Klang, perfekte Tonreinheit besticht, er fügt der Passion die unverzichtbare Tiefendimension hinzu, welche die anderen Solisten vermissen lassen. Gerade in den kontemplativen Chorälen eröffnet der Kammerchor die heilsgeschichtliche Dimension des christlichen Oratoriums, indem er die Zuhörer zum Innehalten und Nachdenken auffordert. Die zweite Strophe des zentralen "O Haupt voll Blut und Wunden" lässt René Jacobs statt vom Chor nur vom Solistenquartett singen. Eigentlich nur ein Manierismus, hier jedoch unversehens ein Kommentar zur Lage des Kammerchors: So könnte es bald klingen, wenn ohne Sinn und Verstand gespart wird.

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