Ricardo Bofill : Arkaden am See

Der katalanische Architekt hat mit seiner "Werkstatt für Architektur" erheblichen Anteil an der postmodernen Strömung: Ricardo Bofill zum 70.

Bernhard Schulz
Bofill
Ricardo Bofill -Foto: AFP

Bewohnbare Säulen aus Beton, halbkreisförmige Monumentalbauten, axiale Ausrichtung – als derlei in den siebziger und den achtziger Jahren in den „Villes nouvelles“ rings um Paris zu sehen war, gab es kontroverse Reaktionen. Es war die Zeit der Postmoderne, als „ironische“ Zitate aus der Baugeschichte allenthalben Verwendung fanden. Ricardo Bofill, der katalanische Architekt, hat mit seiner „Werkstatt für Architektur“ erheblichen Anteil an der postmodernen Strömung. Nur dass er seine barocke Formenfreude nicht an Büros oder Museumsbauten ausließ, sondern am sozialen Wohnungsbau, machte ihn verdächtig. Sollten die in die Peripherie verdrängten Bewohner des unbezahlbar werdenden Paris mit ästhetischem Schnickschnack abgespeist werden?

In Frankreich sah man das entspannter, es galt schließlich, den seit den sechziger Jahren auf die grüne Wiese gestellten Trabantenstädten ein Gesicht, eine Identität zu geben, um aus dem Einerlei gleichförmiger Wohntürme herauszukommen. Mit poetischen Titeln wie „Die Arkaden am See“ oder „Die Maßstäbe des Barock“ – Letzteres im geschundenen Pariser Viertel Montparnasse – lieferte Bofill fassliche Beschreibungen seiner Bauten, die durch ihre ins Überdimensionale gesteigerten Zitate von Säulen und Attiken kaschierten, dass es sich um vielstöckige Wohntürme handelt. Erst beim Herantreten erkennt man, wie niedrig die Decken, wie gequetscht die Zimmer sein müssen – Grandeur im Auftritt, nicht im Raumangebot. Dazu dann ein künstlicher See vor der Haustür wie in St.Quentin-en-Yvelines.

Im südfranzösischen Montpellier, Bofills zweiter großer Wirkungsstätte, wirken seine Bauten passender, vor allem dank des heiteren Himmels des Mittelmeeres. Auch hier wieder landschaftliche Staffelungen, weite Ausblicke, majestätische Wegführungen. Doch die Postmoderne verging, und Bofill fand mit seinen späteren Bauten nicht mehr durchweg zu einer derart individuellen Prägung. Die Erweiterungen des Flughafens von Barcelona etwa sind hell, klar, rational, aber auch wenig aufregend. Hin und wieder, wie 1997 beim Katalanischen Nationaltheater, einem säulenumstandenen, verglasten Tempel mit quadratischem Bühnenturm, fand er wieder zu originellen Lösungen. Bofills Werkstatt blieb hervorragend im Geschäft. Ihr wichtigster Beitrag zur Architekturgeschichte liegt jedoch im postmodernen Wohnungsbau. Am heutigen Samstag feiert Ricardo Bofill seinen 70. Geburtstag. Bernhard Schulz

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