Ricardo Feierstein : Vielstimmig

Ricardo Feierstein sucht seine Identität und Familiengeschichte. Er findet sie als kollektive Erinnerung.

Sophie Crocoll

Ein Mord auf offener Straße, nur ein Zeuge und die Jagd nach dem Täter: Was wie ein einfach gestrickter Kriminalroman anmutet, wird rasch zu einer komplexen Suche nach dem eigenen Selbstverständnis. David Schnaiderman, ein arbeitsloser Soziologe, beobachtet, wie in Buenos Aires eine Libanesin erschossen wird. Durch den Schock verliert er sein Gedächtnis – und macht sich fortan daran, seine Identität zu rekonstruieren.

Ricardo Feierstein, dessen Roman „Mestizo“ im Original schon 1994 erschien, ist ein argentinischer Jude der zweiten Generation. Er bezeichnet sie als „Generation der Wüste“, die von der Vergangenheit ebenso ausgeschlossen sei wie von der Zukunft und der eine Identität eigen sei, die sich im Aufbau befindet. Feierstein, Jahrgang 1942, fühlt sich als Argentinier und Jude, jedoch von keiner der beiden Gruppen vollends anerkannt.

Und so geht es in dem stark autobiografisch geprägten Roman für David Schnaiderman vor allem darum, seine Familiengeschichte aufzuspüren. Er findet sie als kollektive Erinnerung: Aus einer Vielzahl von Stimmen rekonstruiert er zunächst die Herkunft des Großvaters im polnisch-russischen Grenzgebiet, aus dem die Familie einst vor Pogromen floh, das Leben der Eltern und seine eigene Kindheit in Buenos Aires. Durchbrochen wird der Erzählfluss von anderen Textformen, einem Gedicht, einem Drehbuch, schließlich von einem Comic. Der Baum hält als übergeordnetes Bild die Bruchstücke zusammen, er verwurzelt die Geschichte in der Vergangenheit und reicht mit seinen Ästen in die Zukunft.

Indem der Autor seinen Protagonisten die scheinbaren Wahrheiten all dieser Stimmen prüfen lässt, schlägt er die Brücke zwischen beiden Identitäten: Juden und Argentinier sind beide Mestizen, Ergebnis des Umherziehens, der Zugehörigkeit zu vielen Ländern, der Unterdrückung und des Überlebens. So rückt am Ende ein zukunftsfähiges jüdisches Selbstverständnis in Lateinamerika in greifbare Nähe.

Ricardo Feierstein: Mestizo. Der Weg des David Schnaiderman. Aus dem argent. Spanisch von Reiner Kornberger, Donat Verlag, Bremen. 221 Seiten, 16,80 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben