Riccardo Muti und die Berliner Philharmoniker : Prunk und Seidenhandschuhe

Strenge Werktreue: Riccardo Muti dirigiert die Berliner Philharmoniker mit den beiden vierten Symphonien von Franz Schubert und Peter Tschaikowsky.

von
Riccardo Muti
Riccardo MutiFoto: Todd Rosenberg

Franz Schubert und Peter Tschaikowsky – keine Wahlverwandschaft auf den ersten Blick. Es sei denn, man möchte sich ins Biografische begeben und feststellen, dass beide nicht gerade glücklich waren in sexuellen Angelegenheiten und je ein frühes Ende durch Krankheit fanden, Syphilis der eine, Cholera der andere. Vielleicht dies: Beide setzten sich mit einer übermächtigen musikalischen Tradition auseinander, der sie, scheiternd und weitermachend, ihren eigenen Stil abrangen.

Riccardo Muti stellt in seinem ersten Konzert mit den Berliner Philharmonikern seit 2015 die vierten Symphonien der beiden gegenüber, Schuberts „Tragische“ in c-Moll und die von Tschaikowsky selbst zunächst „Fatum“ (Schicksal) getaufte f-Moll-Symphonie.

Ein Schleiertraum liegt über allem

Großes Pathos, das Muti erst mal ganz entschieden heruntertemperiert. Mit langsamem, extrem bedächtigem Puls ab dem ersten Akkord bei Schubert und einem manchmal an den Grenzen der Unhörbarkeit umherwabernden, dynamisch unakzentuierten Klangbild. Ein Schleiertraum liegt über allem, als spielten die Musiker mit Seidenhandschuhen. Warum Muti – der wie gewohnt grandseigneural, mit minimalistischer Gestik dirigiert – zu dieser Klangästhetik greift, darüber kann man nur mutmaßen. Will er den bonbonfarbenen Schubert, zu dem manche Interpreten tendieren, als Lüge entlarven? Oder hören wir hier seine kaum kaschierte Ablehnung des Werks, das oft gescholten wird als die schwächste der frühen Symphonien Schuberts, dem Vorbild Beethovens verzweifelt nacheifernd und doch im Konventionellen stecken bleibend? 

Unerklärlich anders und ohrenöffnend dann die gewaltige Blechfanfare, mit der nach der Pause Tschaikowskys Symphonie eröffnet. Hier finden Muti und das Orchester endlich zu Farbe, Dringlichkeit, Empfindung. Ameisenartig das An- und Abschwellen der Pizzicati im dritten Satz, das sich allmählich mit den Spielbudenthemen der Blechbläser vermengt. Schließlich rauschen die Philharmoniker ins von den Variationen eines russischen Volkslieds geprägte finale Allegro con Fuoco. Bei allem Prunk bleiben die Motive herrlich transparent und klar geschichtet. Mutis strenge Vorstellung von Werktreue, bei Schubert ins Grüblerische versenkt, bekommt hier ihren ganz besonderen Glanz.

noch einmal Freitag, 26. Mai, 20 Uhr

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