Richard Hawley : Aufruhr in Sheffield

Der Singer-Songwriter Richard Hawley veröffentlicht sein bisher lautestes Album. Auf „Standing at the Sky’s Edge“ hat der Crooner seine E-Gitarre wiederentdeckt und zeigt seine Wut auf die britische Regierung.

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Bekennender Nostalgiker. Richard Hawley wuchs mit den Blues- und Countryplatten seines Vaters auf. Foto: Joe Dilworth/EMI
Bekennender Nostalgiker. Richard Hawley wuchs mit den Blues- und Countryplatten seines Vaters auf. Foto: Joe Dilworth/EMI

Von ganz oben, in der Gottesaugenperspektive von Google Maps, sieht Sky Edge sehr grün und idyllisch aus. Ein Wäldchen, gesäumt von Wiesen und Straßen, die Robinson Road, Coates Street oder Talbot Place heißen. Wechselt man in den Street-View-Modus, zeigen sich biedere Reihenhäuser aus Backstein, Sandwich- und Fish & Chips-Imbisse, Autowerkstätten und Industriehallen.

Man muss Sheffield schon sehr lieben, um diesem Stadtteil einen poetischen Mehrwert abzugewinnen. Sky Edge ist eine Arbeitersiedlung, die ihre besseren Tage bereits länger hinter sich hat. Richard Hawley, das sagt er in fast jedem Interview, liebt die nordenglische 550 000-Einwohner-Stadt, in der er vor 45 Jahren geboren wurde. Früher war Sheffield für den Stahl berühmt, den es in alle Welt lieferte. Heute sind die Stahlwerke geschlossen und Sheffield exportiert Pop. Joe Cocker, Tony Christie, The Human League, Cabaret Voltaire, Pulp und die Arctic Monkeys kommen von dort.

Doch erst Richard Hawley hat mit seiner Musik der Stadt ein Denkmal gesetzt. Seinen Alben gibt er gerne lokalpatriotische Titel: „Lowedges“ (nach einem Sheffielder Stadtteil), „Coles Corner“ (nach einem alten Kaufhaus gegenüber der Kathedrale) oder „Lady’s Bridge“ (nach der ältesten Brücke, die den Fluss Don überspannt). Und jetzt ist gerade Hawleys großartiges sechstes Studioalbum erschienen, das „Standing at the Sky’s Edge“ heißt. Allerdings geht es dem Singer-Songwriter nicht darum, topografische Anekdoten auszubreiten.

Stattdessen beschwört er Stimmungen, und die klangvollen Namen aus der Geschichte seiner Heimatstadt dienen als Auslöser von Assoziationsketten. So erzählt er im Titelsong mit träge zerdehnter Stimme von drei verlorenen Seelen, einem Frauenmörder, einer Kleptomanin und einem Messerstecher, die aus Verzweiflung zu Verbrechern werden. Dazu faucht die verzerrte E-Gitarre giftig, und die still und verhalten einsetzende Ballade endet in einem bollernden Progrock-Finale. „They were standing at the sky’s edge / And watch their lifes slowly sinking.“ Sky Edge soll vor dem Krieg eine Hochburg der Bandenkriminalität gewesen sein.

„Standing at the Sky’s Edge“ ist Hawleys bislang lauteste Platte. Auf „Truelove’s Gutter“, 2009 erschienen, hatte er noch mit schmachtendem Vibrato und Twang-Gitarre den Rock’n’Roll-Crooner in der Tradition von Roy Orbinson, Lee Hazlewood und Chris Isaak gegeben. Seine mit brüchigem Bariton vorgetragenen Balladen „As the Dawn Breaks“ und „For Your Lover Give Some Time“ handelten von den Schwierigkeiten der Liebe und waren Monumente der Schwermut. Den akustischen Minimalismus und die nostalgischen Streicher hat Hawley weitgehend hinter sich gelassen, dafür dreht er jetzt die Regler an seiner E-Gitarre bis zum Anschlag auf. „She Brings the Sunlight“ erinnert mit wabernden Verzerrungen, Sitar-Arabesken und maximalem Hall an die psychedelische Überdosis des letzten Oasis-Albums „Dig Out Your Soul“. „Down in the Woods“ zerfließt in Schweinerock-Mantren, „Leave Your Body Behind You“ verknüpft hippieeske Jenseits-Esoterik mit betörenden Rückkopplungsgewittern. Puh.

„Ich habe die Handschuhe ausgezogen. Dies ist meine Wut-Platte“, hat Hawley der Wochenzeitung „Observer“ gesagt und über die britische Regierung geschimpft, die die Rezession nutze, um Gesetze durchzudrücken, die nur wenigen Privilegierten zugute kämen. „Ich fühle mich in vielerlei Hinsicht als Außenseiter. Musikalisch folge ich strikt meinem eigenen Weg und bemühe mich, handwerklich gut gearbeitete Stücke zu schreiben, die etwas zu sagen haben. Ich weiß, dass das gerade nicht sehr in Mode ist, aber fuck it, das bin ich und da komme ich her.“

Hawley entstammt der Arbeiterklasse und ist stolz darauf. Sein Vater war ein Stahlarbeiter, der nach Feierabend als Gitarrist in den Sheffielder Clubs auftrat und manchmal mit durchreisenden Stars wie John Lee Hooker jammte. Von ihm erbte der Sohn die Beharrlichkeit und ein Faible für halb vergessene Blues- und Countrygrößen wie Little Walter, Hasil Adkins oder Big Bill Broonzy. Am Ziel, Musiker zu werden, hielt Hawley auch fest, als er jahrelang von Arbeitslosengeld lebte. Mit der Britpop-Band Longpigs feierte er in den mittleren neunziger Jahren erste Erfolge, dann bestärkte Jarvis Cocker, dessen Band Pulp er als Tourgitarrist begleitet hatte, Hawley darin, eine Solokarriere zu beginnen.

Richard Hawley ist ein begnadeter Troubadour und ein großer Geschichtenerzähler. Zu schunkelnden Akkorden säuselt er: „I’ve had a dream and you were in it / We got naked – can’t remember what happened next – it was weird.“ Der Liebe muss man vertrauen, auch wenn sie blind machen kann.

„Standing at the Sky’s Edge“ von Richard Hawley ist bei Parlophone/Mute erschienen.

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