Richard Kämmerlings : Das kurze Glück der Gegenwart

Richard Kämmerlings sucht in seinem Buch über die deutschsprachige Literatur seit 1989 "Das kurze Glück der Gegenwart“ und stellt uns seine liste mit den zehn besten Werken der letzten 20 Jahre vor.

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So gehört es sich für ein Buch, das ein hohes Lied auf eine literarische „Vergegenwärtigung der Gegenwart“ seit 1989 singt, mithin auf den Pop in der Literatur: Am Ende muss eine Liste her; eine „mit den zehn besten Büchern der letzten 20 Jahre“, wie es der Buchrücken dick, rot, rund und verkaufsfördernd verkündet.

Der Autor Richard Kämmerlings

Richard Kämmerlings, der 1969 geborene Autor des Buches, lange Jahre Literaturredakteur der „FAZ“, seit kurzem leitender Feuilletonredakteur bei der „Welt“, hat beim Erstellen dieser Liste sicher seinen Spaß gehabt. Denn aufzuzählen, welche Bücher deutschsprachiger Gegenwartsautoren auch in Zukunft Bestand haben, ist das eine. Das andere aber, Autorinnen und Autoren wie Annett Gröscher, Ernst-Wilhelm Händler oder Martin Kluger in einem Atemzug mit solchen zu nennen, die sich bei der Kritik und zudem bei einem größeren oder gerade auf Pop und absolute Gegenwart fixierten Publikum schon lange durchgesetzt haben: Ingo Schulze, Marcel Beyer, Rainald Goetz, Terézia Mora.

Die Liste ist spielerisch, ein wenig provokativ, vor allem aber: subjektiv. Auf das Subjektive pocht Kämmerlings häufig in seiner kleinen Literaturgeschichte; sein Buch werfe „einen sehr persönlichen, ,subjektiven‘ Blick auf deutsche Bücher der letzten zwanzig Jahre, aber auch auf die Menschen und auf die Gesellschaft, von denen sie handeln“. Er erzählt, wie ihn in jungen Jahren Bücher von Richard Ford, Michel Houellebecq und Rainald Goetz richtiggehend umgehauen, seine Sicht auf die Welt radikal verändert hätten; er spart nicht mit Verweisen auf eigene Texte in der „FAZ“, in denen er mehr Gegenwärtigkeit von der Gegenwartsliteratur einforderte. Und er macht auch keinen Hehl aus seiner niederrheinischen Herkunft und seinem Leben in einer Patchworkfamilie, wenn er Christoph Peters’ Niederrhein-Roman „Stadt Land Fluss“ preist oder auf das von der jüngeren Literatur stiefmütterlich behandelte Thema Familiengründung und Elternschaft zu sprechen kommt.

Eine Ode an die deutschsprachige Literatur

Diese betont subjektive Sicht hat ihre Vorteile – so sichert sich Kämmerlings gegen die bei Büchern wie diesen notorisch erhobenen Vorwürfe, hier fehle der, die und das. Da braucht es auch nicht den Verweis im Nachwort, dass, na klar, „die deutschsprachige Literatur noch einiges mehr zu bieten hat“ und viele ältere, renommierte Autoren viel zu kurz gekommen seien. So muss das schließlich sein, möchte Kämmerlings doch eine Lanze brechen für eine Literatur, die nicht nur historische und private Stoffe umwälzt, sondern auch Wirtschaft, Politik, Medien und die Wissenschaften, mithin die Welt, in der wir leben.

Berlin, Sex, Krieg, Migrationsliteratur, Hartz IV oder die New Economy: Kämmerlings geht kapitelweise die Themen durch, die in den letzten Jahren die Literatur mal mehr, oft aber weniger beschäftigt haben. Er analysiert kurz eine Vielzahl von Romanen und scheut nicht vor Vokabeln wie „furios“, „virtuos“ oder „großartig“ zurück, um diesen Romanen uneingeschränkte Großartigkeit zu verleihen.

Die Realismusdebatte der neunziger Jahre mit den Protagonisten Maxim Biller und Thomas Hettche hat hier ihren Platz genauso wie die Popliteratur von Stuckrad-Barre bis Goetz (aber nicht Thomas Meinecke und Andreas Neumeister, die ja auch für die „Vielfalt erzählerischer Formen“ stehen), selbst jüngste Aufreger wie Thomas Lehrs „September. Fata Morgana“, Norbert Gstreins „Die ganze Wahrheit“ oder Hettches „Die Liebe der Väter“ hat Kämmerlings auf dem Zettel. Und neben einem preisgekrönten Autor wie Clemens Meyer kommen eher unbekannte Autorinnen wie Kirsten Fuchs oder Claudia Klischat in Sachen Literatur aus der Perspektive von unten, vom Rand der Gesellschaft, zu Ehren.

Mancher Irrtum ist mit dabei: etwa Kristof Magnussons Roman „Das war ich nicht“, der sich nur mit gutem Willen als Reaktion auf die Finanzkrisen der letzten Jahre lesen lässt, aber ästhetisch unbefriedigend ist; auch die Großartigkeit von Kirsten Fuchs erschließt sich nicht. Solche Irrtümer aber wiegt Kämmerlings’ kluge Lesart etwa des Falles von Billers „Esra“, der Romane eines Händlers, Ulrich Peltzers oder eines Gstreins wieder auf. Überhaupt Norbert Gstrein: Wer gerade den interessanten, hier naturgemäß noch nicht abgehandelten Roman von Dirk Kurbjuweit über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan gelesen hat, wird noch einmal gewahr, wie brillant formvollendet Gstreins „Das Handwerk des Tötens“ ist. Dieser Roman über den Tod eines Reporters in den Kriegswirren Ex-Jugoslawiens handelt nicht zuletzt von den Schwierigkeiten, eine wahrhaftige Erzählung über den Krieg zu schreiben. Kurbjuweits Roman setzt auch Kämmerlings’ Buch über den Umweg Gstrein ins Recht – so manches vermeintlich Flüchtige überdauert, so es sich explizit literarischer Mittel bedient, auch die Gegenwart, auf die es sich ausdrücklich bezieht.

Natürlich lässt sich darüber streiten, ob jede literarische Neuerscheinung „ein Versprechen auf Gegenwartserkenntnis“ beinhalten muss (zumal schon die Zumutungen der Vergangenheit einiges an Erkenntnisgewinn bringen); darüber, ob man bei erinnerungsfixierten Autoren wie Peter Kurzeck oder Arnold Stadler nicht genauso viel über sich und die Welt erfährt wie bei der gegenwärtigsten Gegenwartsliteratur; und auch Proust liest man, wie Kämmerlings suggeriert, nicht nur, weil einem Menschen wie der Baron de Charlus so herrlich fremd sind; sondern vor allem, weil das Zusammenspiel von Erinnerung, Vergessen und Gewohnheit, das Proust so exzellent vorführt, über tausende von Seiten in den Bann schlägt – und universelle Erkenntnisse beschert.

Hilfreich wäre womöglich ein Link zu den erzählenden Sachbüchern gewesen, zu Journalistenbüchern wie etwa Volker Zastrows Buch über die vier Ypsilanti-Renegaten, das jedem Politroman den Rang abläuft. Oder zu Büchern, die Gegenwartstrends schneller als die Literatur aufgreifen: über Online-Sucht etwa. Oder über die Sehnsucht nach dem Landleben, wie das dieses Frühjahr gleich vier Veröffentlichungen tun. „Gegenwärtig ist, was Schmerzen bereitet“, weiß Kämmerlings, nicht zuletzt in Abgrenzung zu vielen alles andere als Schmerzen bereitenden Sachbüchern. Er weiß aber auch: Reibung muss sein. Das gilt für seine lesenswerte Literaturgeschichte genauso wie für die gelungenste Gegenwartsliteratur.

Richard Kämmerlings: Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ’89. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2011, 208 S., 16,95 €.

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