Kultur : Richard Oelze: Der Tiefseeltaucher

Nicola Kuhn

Er gilt zwar als der wichtigste deutsche Surrealist, doch mit jeder Ausstellung scheint man ihn neu entdecken zu müssen. Richard Oelze bleibt der große Unbekannte. Er selbst hat dafür gesorgt, indem er sich zunehmend rar machte, viele seiner Bilder wieder zerstörte und kaum Schriftliches hinterließ. Sein 100. Geburtstag ist Anlass, es nochmals mit ihm zu versuchen; ein weiterer Anstoss war für die seit jeher um Oelze besonders bemühte Kunsthalle Bremen der vor wenigen Jahren von seiner Lebensgefährtin dem Museum übereignete Nachlass und jüngste Ankauf des außergewöhnlichen Selbstporträts "Ichmirnoff" (1967-69).

Von Neuem beginnt das Puzzle mit den Versatzstücken aus Gemälden, Studien, Fotografien, Palette, des Künstlers Baskenmütze und seinen wenigen, meist auf alten Einladungskarten festgehaltenen Notizen. Ganz wird man diesem Geheimgänger der Kunst wohl nie auf die Spur kommen. "Tiefseelsorger / Tiefseelforscher / Tiefseeltaucher" - mit diesem Wortspiel, das sich auf einem seiner "Wortskizzen"-Zettel erhalten hat, dürfte er sich selbst gemeint haben. Tauchen wir mit ihm ab in die Tiefen der Seele: Oelze öffnete mit seinen Bildern den Urgrund des Unbewussten, indem er Landschaften schuf, aus denen sich merkwürdige Physiognomien herausformen, unheimliche Gestalten dem Betrachter entgegenwölben, Grotten aus Glubschaugen sich bilden. Die Surrealisten haben ihn für diese Wahnbilder geliebt. Max Ernst soll sein Werk "vorzüglichste Traummalerei" genannt haben; Dalí adelte ihn gar zum "einzigen richtigen Surrealisten".

Trotzdem hat er nie zu den Großen dieser Bewegung gehört; stets ist er seiner eigenen Wege gegangen. Das mag an der Widersprüchlichkeit liegen, die sein ganzes Werk durchzieht und das eigentliche Thema der Bremer Ausstellung ist. Denn Oelze verstand sich zwar selbst als Surrealist, wie er noch 1968, also lange nach dem Ende der Kunstrichtung, mit erstaunlicher Hartnäckigkeit zu Protokoll gab, aber seine Malerei war stets von einem glasharten Realismus, ja beinahe Illusionismus geprägt.

Seine ersten Prägungen erfuhr der junge Magdeburger während seines Studiums bei Kandinsky und Klee - samt Vorkurs von Itten - am Bauhaus in Weimar. Die wichtigste Zeit sollten aber für ihn die Dresdner Jahre werden, wo er von 1926 bis 1929 Kurse bei Otto Dix und Richard Müller belegte. Aus Weimar nahm Oelze die Begeisterung für Fotografie mit, ohne sie jedoch experimentell zu nutzen, wie es dort etwa Laszlo Moholy-Nagy vorgemacht hatte, aus Dresden wiederum die Grundlagen der Malerei der Neuen Sachlichkeit. Ihre Ausrichtung erfuhren diese Anregungen aber erst während seines Paris-Aufenthalts zwischen 1933 und 1936, wo Breton, Dalí, Eluard und Max Ernst seinen Sinn für die sogenannten "Inbilder" weckten. Dort erweiterten sichseine kühlen Beobachtungen in phantastische Dimensionen, auch wenn Oelze den nüchternen Blick nie aufgeben sollte.

So eröffnet die Kunsthalle Bremen ihren Rundgang auch mit jenem gezeichneten Selbstbildnis im Halbprofil von 1936, das den Betrachter in höchster Konzentration fixiert und magisch die ganze Kraft des Bildes auf das ihm zugewandte Auge fokussiert. Zehn Jahre später wiederholt er diese Studie in Öl auf Holz, doch die Spannung scheint verlorengegangen, wie sich auch bei den darauffolgenden Selbstbildnissen erweist. Hier hat ein Maler in seiner künstlerischen Entwicklung durch den Zweiten Weltkrieg einen Bruch erfahren, den er nicht durch Neubeginn oder Teilnahme an der beginnenden Abstraktionsdebatte zu überwinden sucht. Eigensinnig setzte er den einmal eingeschlagenen Weg fort.

Hatte Oelze vorher Weggefährten, wie Vergleichsbeispiele aus seinen Weimarer, Dresdner, Pariser Jahren zeigen, so wird er nun zum Einzelgänger. Er zieht sich 1945 nach Worpswede zurück, siedelt 1962 schließlich mit seiner Lebensgefährtin in das bei Hameln gelegene Posteholz über, das bis zu seinem Tod 1980 sein Domizil bleiben sollte. Dabei erlitt Oelze keineswegs das Schicksal der übersehenen Größe. In den sechziger, siebziger Jahren erhielt er zahlreiche Preise, wie die in Vitrinen ausgelegten Urkunden belegen; 1968 vertrat er zusammen mit Horst Janssen und Gustav Seitz die Bundesrepublik Deutschland auf der Biennale in Venedig.

Heute muss man ihn suchen. In den Museen hängen nur vereinzelte Bilder. Keines hat mehr den Ruhm seines Meisterwerks "Erwartung" (1935/36) erreicht, das Alfred Barr 1940 hellsichtig für das New Yorker Museum of Modern Art erworben hatte. Von dort ist es als Leihgabe nach Europa zurückgekehrt und überstrahlt erneut die Ausstellung. Das Bild zeigt eine Gruppe in Rückenansicht, die voller Hoffnung oder auch Angst einem gewittrig dunkel verfärbten Himmel entgegenschaut. Dieses Momentum zusammengedrängter Menschen in apokalyptischer Landschaft ist als Menetekel interpretiert worden für die alsbald heraufziehenden politischen Stürme. Bis heute hat es seine Suggestionskraft nicht verloren und erlebt deshalb immer wieder seine Reproduktion als Bucheinband, Plattencover oder Plakat.

Die Bremer Ausstellung bindet das singuläre Gemälde noch einmal ins Gesamtwerk Oelzes ein, dessen Bilder immer schon zu vibrieren schienen in spannungsvoller Erwartung des Unheimlichen.

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