Kultur : Richard Sennett diskutiert über die Auswirkungen der Globalisierung auf den Charakter

Kerstin Kohlenberg

Unsere Jugendlichen, war in der Shell-Studie "Jugend 2000" zu erfahren, sind pragmatisch, realistisch und blicken optimistisch in die Zukunft. Mit einer deutlich gestiegenen Leistungsbereitschaft. Lösungen wolle die Jugend, keine langwierigen Rituale. Schnell, schneller, erfolgreich! In einer Zukunft, die durch immer flexiblere Arbeitsprozesse gekennzeichnet sein wird, sind das nützliche - nein - notwendige Einstellungen. Die Geschichte der Globalisierung hat ihre ersten Abdrücke auf den Arbeitern von morgen hinterlassen.

Wie aber erleben die Arbeiter von heute die Globalisierung, fragte Richard Sennett, Soziologie-Professor an der London School

of Economics, bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in der Humbold-Universität? Welche Auswirkungen hat die Flexibilisierung auf den Charakter der Menschen, die im Mittelbau arbeiten? Die alte Arbeitswelt war hierarchisch, als Machtpyramide organisiert. Der neue Kapitalismus dagegen hat eine völlig andere Struktur. Anstatt in klar abgesteckten Bereichen, wird in Teams gearbeitet, die auf einem firmeninternen Markt um die beste Lösung für ein vorgegebenes Problem konkurrieren. Die Aufgabe heißt dann: Wir brauchen eine Software, die die und die Ansprüche erfüllt. Schnell! Also auf die Plätze, fertig, los. The winner takes it all.

Zeit, so Sennett, wird im neuen Kapitalismus zur wichtigsten Kategorie. Nur wer schnell ist, ist erfolgreich. Ein Programmierer im Silicon Valley muss in seinem Arbeitsleben zum Beispiel drei Mal eine neue Programmiersprache lernen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Befürworter dieser Entwicklung sagen, dass die neu erlernten Fertigkeiten aufeinander aufbauen und deshalb beim Arbeiter das gute Gefühl hinterlassen: "Meine Arbeit macht Sinn." Das ist nach Sennetts Diagnose falsch. Denn mit den neu erlernten Fähigkeiten, zerfällt der Wert der alten. Sie haben dann eben keinen Sinn mehr.

Die Charaktereigenschaften, die ein Mensch in einer solchen Arbeitswelt braucht, sind: schnell funktionale Beziehungen aufbauen können, kurzfristig Planen - nicht von langfristigen Sicherheiten abhängig sein, und einen Riecher dafür haben, wann man ein Team verlassen sollte, bevor man "gegangen wird". Überträgt man diese Eigenschaften auf die Familie, so Sennett, dann müsse man sich eingestehen, dass man nur sozial gestörte Monsterkinder heranziehen würde. Um den Widerspruch zwischen Familien- und Arbeitswerten aufzulösen, sei ein moralischer Konservatismus, der einseitig die Werte der Familie betone, keine Lösung. Denn der moderne Mensch verbringt 80 Prozent seiner Zeit in der Arbeitswelt. Das ist das Fundament seiner Erfahrungen. Deshalb, so Sennett, ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit: die soziale Aufwertung der Arbeitswelt.

Ein hübsch klingendes Ziel, nur was dies konkret heißt, beantwortete Sennett nicht. Vorzustellen wäre, die in jungen Unternehmen schon praktizierte Bindung der Angestellten an das Unternehmen durch gemeinsame Urlaube. Damit würde die Arbeits- mit der Familienwelt jedoch noch weiter verschwimmen. Sennett appelliert für eine "Politics Of Time", die zum Beispiel höhere Steuern auf kurzfristige Anlagen erhebt oder den "stakeholder value", den Wert der Arbeit, wieder über den "shareholder value", den Wert der Gewinne der Aktionäre stellt.

Elke Schmitter, Philosophin und ehemalige taz-Chefredakteurin, machte in der anschließenden Disskussion darauf aufmerksam, dass der Verlust an Job-Sicherheit aber auch mit einer viel größeren Job-Kreativität einhergehe. Die Stupidität der Fließbandarbeit werde ersetzt durch eine neue Risikoerfahrung.

Der neue Kapitalismus hat die bürokratische Revolution der fordistischen Arbeitswelt beendet. An die Stelle der hierarchischen Ausbreitung in die Höhe tritt die Ausbreitung in die Fläche. Das heißt, für immer mehr Menschen werden die genannten Eigenschaften in Zukunft überlebenswichtig sein. Wenn auch die Jugend von morgen den optimistischen Zukunfts-Blick der Jugend von heute haben soll, dann darf die Flexibilisierung der Arbeit nicht gleichbedeutend werden mit der ständigen Angst, das eigenen Leben nicht mehr im Griff zu haben. Der Lohn der Angst der Arbeiter von heute muss eine sozialere Arbeitswelt von morgen sein.

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