Richard Strauss zum 150. Geburtstag : Die stille Seite des Meisters

Beim Jubiläumskonzert verzichtet Marek Janowski auf die großen Kracher und interpretiert mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester und dem Rundfunkchor Berlin stattdessen lieber leise Werke von Richard Strauss..

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Der Rundfunkchor Berlin
Der Rundfunkchor BerlinFoto: Matthias Heyde

Puh, Glück gehabt: Am 150. Geburtstag von Richard Strauss entscheiden sich Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester gegen eine zuckrige Melange mit Kandisstücken aus sattsam bekannten Opern, wie sie Christian Thielemann in Dresden serviert – und für eine viel interessantere, stille, nach innen gekehrte Seite des schwierigen Maestros. Der hat ja nicht nur Musiktheaterwerke und gewichtige symphonische Dichtungen geschrieben. Sondern auch Lieder und Chorwerke. So fehlen in der Philharmonie zunächst die Orchestermusiker völlig, einsam steht Janowski vor dem Rundfunkchor Berlin. Aber die „Deutsche Motette“, die dieser jetzt intoniert (Einstudierung: Michael Gläser), ist bereits früh am Abend ein Höhepunkt an Klangreinheit und Stimmenglanz.

Eigentlich ist nichts deutsch an diesem Stück, Strauss hat (1913, im Uraufführungsjahr von „Sacre du Printemps“!) ein Gedicht Friedrich Rückerts vertont, das dieser von dem persischen Mystiker Dscheladeddin Rumi übernommen hat und das, jenseits von Islam, Juden- oder Christentum, ein pantheistisches Wesen anruft: „Die Schöpfung ist zur Ruh’ gegangen/o wach in mir!“. Vier Solisten (Julia Bauer, Anke Vondung, Bernhard Berchtold, Georg Zeppenfeld) schmiegen sich dem Chorklang an, sind kaum abzulösen vom Kollektiv, leuchten kurz auf, versinken wieder, ein Werden und Vergehen.

Gleich im Anschluss stürzen sich die Herren des Rundfunkchors mit festem Biss in Straussens Liedsammlung „Die Tageszeiten“ auf Gedichte Joseph von Eichendorffs, das einzige Werk des Abends, für das das Orchester in voller Besetzung präsent ist. Der Opernkomponist Strauss ist jetzt nicht mehr zu leugnen: Gefühlswallungen in den Streichern, lange liegende Töne in den silbrig verdämmernden Geigen bei der „Mittagsruh“, irrlichternde Flöten, Hörner läuten „die Nacht“ ein. Und dann die klangsatte Trauer um die Zerstörung Münchens in den berückenden „Metamorphosen“ für 23 Solostreicher, die Strauss komponiert hat, als ihm – unerträglich spät – bewusst wurde, welch Verbrecherregime seine Welt und die Millionen anderer Menschen in den Abgrund gerissen hat. Wie es Janowski hier gelingt, die Fäden der 23 individuellen Stimmen so herauszupräparieren, dass das Gewebe völlig transparent und klar schimmert, ohne dass die Musik unter diesem analytischen Blick ihren wehmütigen Zauber verlieren würde – das ist ein Ereignis.

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