Kultur : Richard Wagner: Wotans Winterreise

Mirko Weber

Der "Ring"? Ist er nicht gerade erst zu Ende gegangen, vorvorgestern in Stuttgart und vorgestern in Bayreuth? Fällt überhaupt jemandem noch etwas Neues zu Richard Wagner ein? Im Zürcher Opernhaus ist es so, als ob man nach kurzem Schlaf wach würde, geweckt von einem leisen Geräusch, das allmählich Klang wird (und es ist der wunderbarste Es-Dur-Wagner-Klang seit langer, langer Zeit). Langsam, sehr langsam geht die Sonne auf - und siehe: Er funktioniert wieder einmal, der alte Anfangszauber im "Rheingold".

Der amerikanische Regisseur Robert Wilson nimmt einen mit auf eine Winterreise, und er hat sich viel Zeit dafür genommen. Für die Zürcher Oper arbeitet Wilson seit Jahren gedanklich an Richard Wagners "Ring des Nibelungen". Erstaunlicherweise ist es das erste Mal, dass sich Wilson an diesen Stoff wagt. Hat der seltsame Mann aus Texas nicht eigentlich alles schon einmal inszeniert? Wilson, der penible Magier und manische Rätselfragensteller. Wilson, der Regisseur mit Lineal und Zirkel. Wilson, der Hohepriester der Schreitkultur. Könnte es nicht sein, dass Wilson mit all dem heute auch schon ein bisschen von gestern ist?

Nun - das Wagnersche "Rheingold" sieht in Zürich ganz und gar nicht danach aus. Bob is back, und es bleibt alles anders. Zuletzt konnte man sich ja nicht schlecht daran gewöhnen, dass diese Götter uns Menschen doch verteufelt ähnlich waren. Solchen Alltag gibt es bei Robert Wilson ausdrücklich nicht. Seine Figuren sind uns - im Gegenteil - vollkommen fremd. Sie sehen fremd aus, und sie bewegen sich fremd. Sie könnten einem traditionellen japanischen Theater entstammen. Sie haben ihre Haare kunstvoll hochgesteckt und tragen kimonoartige Gewänder mit Halsspangen (Kostüme: Frida Parmeggiani). Wenn sie etwas Drohendes aufhalten wollen, winkeln sie lediglich einen Arm ab. Wenn sie etwas Wichtiges sagen wollen, spreizen sie die Finger. Wenn sie verblassen oder gerade aus der Handlung heraustreten, werden sie zu Scherenschnitten vor der weißen Leinwand. Wilsons "Ring" ist einer, der aus der Kälte kommt. Von oben, aus der Galaxis, vielleicht. Von unten, aus dem Mythos, wer weiß das jetzt schon? Wilson gibt seinen Personen eine plane Fläche zum Spiel frei (natürlich ist das Spiel streng reglementiert). Das erinnert nicht von ungefähr an Wieland Wagner, der in Bayreuth nach dem Krieg reinen Tisch machte. Weg mit den Brustpanzern! Wilson verfährt ähnlich: Fort mit den Trenchcoats!

Komik ist Wilsons Sache nicht. Keuschheit sein oberstes Gebot. Und doch hat sich etwas verändert in diesem heiligen Theater. Wilsons Figuren kommen nicht mehr in die Wilsonmaschine, wo sie ein für alle Mal gestanzt und gelocht werden. Sie haben mehr Freiheit. Sie können mimisch und gestisch etwas aus sich machen, egal ob im feinen Dunst der Anfangsszene, im Mikado-Stangenwald der Nibelheim-Szene oder im Walhall-Seitenlicht. Und das tun sie auch. Unwahrscheinlich, dass es einmal eine Aufführung gegeben hat, bei der man mehr von Wagners raffinierten Worten verstanden hätte. Zum einen liegt das an Wilson, der die Sänger an die Rampe holt, ohne dass es stört, wie sie dort stehen. Sie sind Kunstwerke. Man schaut sie gerne lange an.

Und zum anderen liegt das am Dirigenten Franz Welser-Möst. Er hat das Opernorchester auf ein Niveau gebracht, das seinesgleichen sucht. Die bisherigen gemeinsamen Wagner-Stationen hießen "Parsifal" und "Tannhäuser". Welser-Möst ist auf der Suche nach dem verbindlichen Wagner-Ton, oft möchte er das absolute Pianissimo finden.

Er will die Bewegung ohne Überrumpelung, den Effekt ohne schneidende Schärfe, das Arioso ohne Schleppen. Und er erreicht alles, was er sich vorgenommen hat. Sein "Rheingold" ist beständig im Fluss, heiter und tief ernst. Es ist durchgeformt wie ein kammermusikalischer Satz und doch in jeder Sekunde vollkommen dramatisch. So nimmt Welser-Möst selbst den Passagen, die im "Rheingold" noch nicht über den Rezitativstil hinauskommen, den Wagner erst später überwindet, das Althergebrachte. Gleichwohl, dies ist kein "Wagner-Light". Welser-Möst lässt nur dessen Licht richtig leuchten. Und er hat strahlende Sänger.

Francisco Araiza als Loge - lange nicht so glanzvoll gefordert - ist das Ereignis dieser Aufführung: Wunderbare Mittelllage, behutsame Diktion - ein aasiger Außenseiter, wenn auf ihn als einzigen rotes Licht fällt in dieser grau-blau-weißen, kühlen, einsamen Wilson-Welt. Cornelia Kallisch ist Fricka. Kein Brüllweib, aber eine verletzte Liebende, die lauter vorletzte Lieder an den Herrn Gemahl richtet. Auch dieser (Jukka Rasilainen) hat keine gewaltige Stimme, aber ein beherrschtes und beherrschendes Organ, ein großer Wotan. Wie überhaupt alle (von Cheyne Davidsons Donner über Rolf Haunsteins Alberich, Volker Vogels Mime und Ursula Ferris Erda) so intensiv wirken, weil sie nicht das entschieden unterschiedlich begeisterte Publikum mit ihrer Rolle überzeugen wollen, sondern erst mal sich selbst - von ihrer Figur.

Wilson steckt sie in eine Form, Welser-Möst gibt ihnen den Inhalt, sie zu füllen. Aufregend ist, wie das gelingt - zunächst. Denn die Frage nach dieser Göttervorstellung der Sonderklasse ist ja auch: Wer kommt jetzt? Und wie? Um Welser-Möst und seinen einmaligen Ton muss einem wohl nicht bange sein. Auf der Bühne jedoch treten im nächsten Mai auf einen Schlag in der "Walküre" Menschen hinzu, bei denen es mit einer genialen Verpackung nicht getan ist, denn diese Menschen geraten außer sich. Wilson wird ihnen helfen müssen. Weiter nichts? Weiter nichts.

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