Richard Yates : Universum der Enttäuschten

Spätestens seit der Verfilmung seines Romans "Zeiten des Aufruhrs" gilt der Schriftsteller Richard Yates als ein Klassiker der amerikanischen Nachkriegsmoderne. Jetzt erscheint sein Internatsroman "Eine gute Schule" - und die erste deutschsprachige Biografie über den Autor, der sich 1992 zu Tode soff.

Rabauke mit Charme. Der große Erzähler Richard Yates. Foto: Jerry Bauer/DVA
Rabauke mit Charme. Der große Erzähler Richard Yates. Foto: Jerry Bauer/DVA

Ein Jahrzehnt nach seinem Tod in Trunksucht, Krankheit und Verkennung wurde Richard Yates (1926-1992) wiederentdeckt und zählt heute zu den großen amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Auch hierzulande haben Romane wie „Zeiten des Aufruhrs“, „Easter Parade“ oder „Ruhestörung“, Erzählsammlungen wie „Elf Arten der Einsamkeit“ und „Verliebte Lügner“ (alle bei DVA) begeisterte Leser gefunden.

Jetzt ist in der zuverlässigen Übersetzung von Eike Schönfeld „Eine gute Schule“ aus dem Jahr 1978 erschienen. Yates’ Roman der Adoleszenz, die Verarbeitung seiner Jahre im Landschulheim, das sich seine in Scheidung lebenden Eltern eigentlich nicht leisten konnten. William Grove heißt Yates’ Alter Ego und wird nicht gerade schmeichelhaft eingeführt: „Sein Tweedanzug hing speckig an ihm, seine Krawatte war ein verdrehter Lappen …“ Gleich zu Beginn wird er Opfer eines drastischen Erniedrigungsrituals, einer kollektiven sexuellen Attacke, später verschafft er sich Respekt als Redakteur der Schülerzeitung.

Der Roman spielt zu Beginn der vierziger Jahre. Die Schatten des Weltkriegs ziehen auch über den USA auf; noch immer ist die große Wirtschaftskrise zu spüren. Auch die Dorset Academy befindet sich im Niedergang. W. Alcott Knoedler, der Schulleiter, kommt meist mit Sorgenfalten und dem Wort „Betriebskostendefizit“ aus den Vorstandssitzungen. Schließlich stellt die als verrückte alte Frau geltende Mrs. Hooper, die die Schule einst mittels einer Stiftung für „die Söhne der besseren Leute“ gegründet hat, unversehens ihre Zahlungen ein.

Um der Gefahr autobiografischer Überhitzung zu entgehen, rückt Yates seinen William Grove ein Stück weit zurück und gibt ihm keinen bevorzugten Platz im Panorama des Schullebens. Das Buch hat viele eindringlich beschriebene Figuren, aber keinen eigentlichen Protagonisten. Es bietet eher eine mosaikartige Szenenfolge als eine durchgehende Handlung und entwickelt weniger Sog als andere Yates-Romane, hat dafür jedoch Qualitäten der Verdichtung und Multiperspektivität: die Dorset Academy als kleines Universum menschlicher Leiden, Hoffnungen, Enttäuschungen.

Dazu gibt es alles, was seit je den Internatsroman ausmacht: Lehrerkarikaturen, sadistische Rituale, Rangordnungs-Rangeleien, Freundschaften und Heimlichkeiten, Partys und Gefummel im Dunklen. Die „sexuelle Energie“ des Ortes ist außerordentlich, wie ein Lehrer feststellt. Das alles ist nicht neu, bekommt hier aber einen schmerzlichen Zug durch die doppelt genähte Motivik der Vergänglichkeit: Die Dorset Academy steht vor dem Ruin, und im Hintergrund lauert der Krieg, hungrig auf Jungen.

Richard Yates wurde 1944 Soldat und half mit, Deutschland zu erobern. Seine wenig gloriosen Kriegserlebnisse hat er eindrucksvoll im Roman „Eine besondere Vorsehung“ verarbeitet. „Ehrlichkeit im Gebrauch von Worten“ hat er einmal als sein schriftstellerisches Ideal benannt. Dass man einen verschlissenen Hut nicht als „übel zugerichtet“ bezeichnet, sondern als „abgenutzt“ – das wäre eine der vielen feinmechanischen Anwendungen der honesty beim Schreiben. Indem er den unprätentiösen Ausdruck wählt, erzeugt Yates seinen unverkennbaren Sound, der auch deshalb so gut funktioniert, weil die Desillusionsprozesse seiner Werke alles andere als verhalten sind.

Yates’ Figuren machen sich schöne Bilder zurecht, sie gleichen ihr Leben ab mit den Glücksschablonen von Hollywood. Kaum eine Figur, der dabei nicht der Lebenstraum zermahlen würde. Ein Martyrium macht der Chemielehrer Jack Draper durch, schwer gezeichnet von einer späten Kinderlähmung. Von den Schülern wird er verspottet, weil er trinkt, seitdem er von seiner Frau mit dem Französischlehrer betrogen wird.

Die Szene, in der Draper mit allem Schluss machen will, ist archetypischer Yates, der düstere Höhepunkt dieses doch vergleichsweise hellen Romans. Erst wird die Qualität der Ledergürtel von Brooks Brothers gepriesen: Man könne sie prima an einem Heizungsrohr befestigen, eine Schlinge machen und sich diese um den Hals legen. So steht Draper da, schafft es jedoch mit seinen verkrüppelten Beinen nicht, den Tisch unter sich wegzukicken. Nach einer halben Stunde steigt er wieder herunter.

Hochfahrende Träume und niederziehende Realitäten – daraus ergibt sich die Kontrapunktik bei Yates. „Der fatale Glaube an das Glück“ lautet deshalb der Titel von Rainer Moritz’ Biografie dieses Autors, der ersten in deutscher Sprache. Sie informiert knapp, aber solide und bietet viele schöne, lange Zitate, in der berechtigten Annahme, dass die Romane und Erzählungen zwar künstlerisch verdichtet sind und die Ereignisse den literarischen Konstruktionsbedürfnissen anpassen, aber doch auf einem stabilen autobiografischen Fundament basieren.

Bei Moritz erfährt man, dass „Eine gute Schule“ nur durch einen Glücksfall erhalten ist: Einmal stand Yates unter der Dusche, während eine glimmende Zigarette seine Wohnung in Brand setzte. Die Feuerwehr rettete ihn mit schweren Verbrennungen. Sein Verleger sorgte dafür, dass der verkohlte Manuskript-Klumpen wieder lesbar gemacht wurde.

Zum Mythos Yates gehört der Alkohol. Zu seiner Zeit gehörte es für amerikanische Autoren beinahe zum guten Stil, Trinker zu sein. Suff bis zur Bewusstlosigkeit, jähe Aggression, psychische Zusammenbrüche, epileptische Anfälle – Yates war ein Mann, mit dem schwer auszukommen und noch schwerer zusammenzuleben war, der aber auch sehr charmant sein konnte, wie Moritz versichert.

Sein überaus bescheidenes Leben finanzierte er in den letzten Jahren mit Creative-Writing-Seminaren. Von seinen Studenten wurde er „rollende Bombe“ genannt. Regelmäßig musste der lungenkranke Kettenraucher sich künstlichen Sauerstoff zuführen; deshalb lenkte er seinen Kleinwagen mit den Knien, in einer Hand die Zigarette, in der anderen den Schlauch des Sauerstoffgeräts. Jeder Funkenflug hätte zur Explosion führen können.

Verkorkste Biografien, elendes Leben – aber wer trägt die Schuld? Weder betreibt Yates Gesellschaftskritik mit dem Zeigefinger, noch arbeitet er mit Übeltätern oder Intriganten, denen sich die Verantwortung leicht zuschieben ließe. Dramen mit finsteren Verkörperungen des Bösen (wie Jago im „Othello“) mochte er nicht, weil sie es dem Zuschauer zu leicht machten. Und so wollen die Figuren in seinen eigenen Werken eigentlich alle nur das Beste. Dass das Gesamtbild trotzdem desaströs gerät – darin zeigt sich eine prinzipielle Fehlbarkeit des Menschen, an der jeder seinen Anteil hat.

Richard Yates: Eine gute Schule. Roman. Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. DVA, München 2012. 240 Seiten, 19,99 €.

Rainer Moritz: „Der fatale Glaube an das Glück“. Richard Yates – Sein Leben, sein Werk. DVA, München 2012. 201 S., 19,99 €.

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