Kultur : Richter und Schenker

Nicola Kuhn beobachtet, wie Hamburg bei der Kultur spart

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Das ist ein übler Schlenker im Karlsruher Urteil: der Hinweis auf Hamburg und dass der Stadtstaat im Vergleich zu Berlin mit weniger Kulturförderung pro Kopf auskommt. Als könnten Sparmaßnahmen auf diesem Gebiet die Hauptstadt entlasten, und als habe sich Berlin hier der Prasserei schuldig gemacht. Aber auch in Hamburg wird niemand über die vermeintlich lobende Erwähnung der Karlsruher Richter erfreut sein, denn die günstigere Bilanz der Hanseaten hat ihren Preis. Kultursenatorin Karin von Welck, die das Amt vor zwei Jahren übernahm, muss vor allem eines tun: sparen. Bücherhallen werden geschlossen, die Filmförderung wird reduziert, städtische Besitztümer hat man en gros an private Investoren verkauft; auf der Liste standen zeitweilig auch das kommunale Kino Abaton, die Werkstätten des Schauspielhauses und das Ohnsorg-Theater, die plötzlich als Mieter um ihr Bleiberecht im eigenen Hause bangen mussten.

Hamburg, das ist die Strahlestadt im Norden; sie gilt als Boomtown der Republik: höchster Beschäftigungszuwachs aller Bundesländer, die meisten Firmengründungen im vergangenen Jahr, Rekordzahlen bei den innerdeutschen Touristen, sogar Berlin fällt dahinter zurück. Für skeptische Beobachter, etwa den Thalia-Intendanten Ulrich Khuon, hat die Stimmung etwas von „Selbstberauschung“. Das Phänomen lässt sich punktuell auch im Kulturbereich beobachten, etwa beim Bau der Elbphilharmonie. Fast aus dem Stand kamen 62 Millionen Euro an privaten Spenden für den Entwurf von Herzog & de Meuron zusammen. Hamburgs Millionäre fühlten sich beim Appell zu mehr Bürgerengagement bei ihrer Ehre gepackt.

Genau darin besteht der Widerspruch: Die Stadt ist reich, trotzdem wird die Kultur kurzgehalten (in Stuttgart kann man in diesen Tagen Ähnliches beobachten, Stichwort Handschriften-Verkauf). Als erste deutsche Stadt hat Hamburg seine Museen vor sieben Jahren in Stiftungen umgewandelt und in die freie Marktwirtschaft entlassen. Sie sollten den Haushalt nicht länger belasten; die strukturellen Defizite einer öffentlichen Institution, die plötzlich selbst über ihren Etat entscheiden darf, hatte dabei niemand bedacht. Auf den Hamburger Museen lastet heute ein Schuldenberg in Millionenhöhe, was ihre Handlungsfreiheit erneut einschränkt. Zwar gibt es auch hier hochherzige Spender; aber die überreichen lieber schöne Bilder als einen Scheck für die Bezahlung des Reinigungspersonals. Kultur bedeutet nicht nur Glamour, sondern auch Basisarbeit. Die Karlsruher Richter kümmert das kaum.

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