Kultur : Richtig erinnern

Kunst und Historie: ein Berliner Symposium über Luc Tuymans

Ulrich Clewing

Seine Bilder verstören. Auf den ersten Blick wirken sie unspektakulär, alltäglich. Doch das ändert sich, sobald man mehr über sie erfährt. Denn Luc Tuymans, Jahrgang 1958 und einer der wichtigsten belgischen Maler der Gegenwart, stellt in seinen Gemälden eine Spannung dar, die kaum auszuhalten ist: die Gleichzeitigkeit des Banalen und des Bösen. Inspirieren lässt sich Tuymans durch Fotografien von Nazi-Politikern, Postkarten aus dem KZ, Bilder von Gaskammern, aber auch historische Dokumente der belgischen Kolonialherrschaft in Afrika.

Aus Anlass einer Ausstellung mit Arbeiten Tuymans im Kunstverein Hannover fand nun in der Niedersächsischen Landesvertretung in Berlin ein Symposion statt, welches sich mit dem Verhältnis von Kunst, Geschichtsschreibung und historischem Gedenken beschäftigen sollte. Wie unterschiedlich hier die Auffassungen sein können, zeigte sich vor allem auf der Podiumsdiskussion, die sich an einen Vortrag der Bonner Kunsthistorikerin Anne-Marie Bonnet über das Werk Tuymans und ein Zwiegespräch des Künstlers mit dem Leiter des Hannoveraner Kunstvereins, Stephan Berg, anschloss.

Auf dem Podium saßen neben Tuymans eine Architektin (Gesine Weinmiller, Berlin), ein Kunsthistoriker (Beat Wyss aus Stuttgart), ein Historiker (Rikola-Gunnar Lüttgenau von der Gedenkstätte Buchenwald) sowie ein Journalist und Autor (Tagesspiegel-Redakteur Thomas Lackmann) – eine Zusammenstellung, die eine vielsichtige Herangehensweise garantierte, andererseits aber den Nachteil hatte, dass es im Laufe des Gesprächs zu einer gewissen Begriffsverwirrung kam. Das lag daran, dass – wenn es um Geschichte geht – der Kunst häufig einfach zu viel zugemutet wird. Woran wiederum mindestens genauso häufig die Kunst und ihre Apologeten selbst schuld sind.

Natürlich kann die Kunst historische Ereignisse, zumal so monströse Verbrechen wie die des NS-Regimes, nicht abbilden. Trotzdem müssen die „Erzählungen“, wie die Bilder Tuymans genannt wurden, nicht in der Beliebigkeit verschwinden. Immerhin liefern sie Hinweise, wecken Aufmerksamkeit und Zweifel – insofern zielte Thomas Lackmanns zu Anfang gestellte rhetorische Frage, wer denn nun „richtig erinnere“, die Historiker oder die Künstler, ein wenig ins Leere. Denn wahrscheinlich muss man nicht „richtig erinnern“, sondern nur richtig trennen: zwischen Dokument und Artefakt nämlich, wie Rikola-Gunnar Lüttgenau es postulierte. Diesen Punkt hätte man ruhig ausführlicher diskutieren können, leider entwickelte sich das von Anne-Marie Bonnet nicht sehr präzise geleitete Gespräch in eine andere Richtung. Und so war das an die Landesvertretung angrenzende Holocaust-Mahnmal das beherrschende Thema – ein mittlerweile wirklich ausgetretener Pfad. Mit Tuymans subtilen Bildern wird man sich bei nächster Gelegenheit erneut auseinandersetzen müssen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar