Kultur : Richtig falsch schreiben

Der bildende Künstler Kippenberger als Autor

Daniel Völzke

Die letzte Zeile seines letzten Gedichts war fast brutal in ihrer Beiläufigkeit. Und er setzte sie – natürlich– in Blockschrift. Wie er sein ganzes Leben „tschernobombenmäßig“ in Großbuchstaben gelebt hatte. Vor zehn Jahren, zwei Monate vor seinem Tod, verabschiedete sich Martin Kippenberger 44-jährig mit den Worten „TSCHAU MEGA ART BABY!“. Heute nun wird er als die Figur gefeiert, die er immer nur ironisch vorweggenommen hat: als Mega-Artist, als Über-Künstler.

„Wie es wirklich war. Am Beispiel“ nennt Diedrich Diederichsen sein Kippenberger-Lesebuch mit Prosa und Gedichten – ohne eine einzige Abbildung des bildkünstlerischen Werks. Man kennt den Witzeerzähler Kippenberger, seine literarischen Verweise („The Happy End of Franz Kafka’s ‚Amerika‘“), seinen Interviewband „B“, mit dem er auf Andy Warhols „A“ antwortete. Oft stellen Werk- und Ausstellungstitel wie „Ich geh’ kaputt, gehst du mit?“ die eigentlichen Arbeiten in den Schatten. Das Lesebuch listet denn auch „241 Bildtitel zum Ausleihen für andere Künstler“ auf: T-Shirt-Sprüche, kombiniert mit eigenen Slogans. Der Künstler zerlegt Vorgefundenes und Anekdotisches, er montiert sein Material neu und raubt seinen Gedichten assoziationsreich ihren Sinn.

Die Prosatexte hingegen scheppern pointenlos dahin, Genres werden skizziert und verworfen. Es gilt, der „Ideologie des ‚reinen Erzählens‘“ zu entkommen, wie Diederichsen im Nachwort schreibt. In „Café Central. Skizze zum Entwurf einer Romanfigur“ (1987), einem langen Prosastück aus Alltagsbeobachtungen, Briefen, Gedanken, hintertreibt der Künstler den narrativen Fortlauf genauso wie dessen avantgardistische Verhackstückelung. Wirren Sätzen folgen detaillierte Schilderungen banaler Erlebnisse. Als Leser bleibt man bei dieser Flucht vor dem Erzählen zurück.

Darin unterscheidet sich der Autor vom Künstler. Während seine Bilder, Installationen, Skulpturen häufig schnell zu erfassen sind, geht er mit seinen Texten in der Demontage von Bedeutungen weiter. Die Anregungen aus der bildenden Kunst lassen sich dennoch ablesen. Der Text „1984. Wie es wirklich war am Beispiel Knokke“ erinnert an die Bilderserie „Lieber Maler, male mir“, für die er Fotos von Plakatmalern kopieren ließ.

Wie Martin Kippenberger in der Kunst das Prinzip Autorenschaft aus den Angeln hob, so auch in der Literatur. Er umarmte den Dilettantismus. „Der Schüler macht alles richtig in Fehlschreibung“, heißt es einmal über seine Schulzeit. Der Künstler macht alles richtig im Schlechtdichten. Wer das aushalten will, muss sich anstrengen. Aber auch das hat man ja von Kippenberger gelernt: „Wahrheit ist Arbeit.“ Daniel Völzke

Martin Kippenberger: Wie es wirklich war. Am Beispiel. Lyrik und Prosa. Hg. von Diedrich Diederichsen. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2007. 360 Seiten, 12 €.

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