Kultur : Richtig getickt

Französische Musik beim RSB mit Julien Salemkour

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Wer vom Großvater die Standuhr geerbt hat, hört heute noch in seinem Heim, was die Stunde schlägt. In den Uhrengeschäften herrscht gewöhnlich, quarz- und digitalbedingt, vornehme Stille. Die Uhr als Sinnbild der verrinnenden Zeit, wie sie in der Literatur Hofmannsthals Feldmarschallin oder den Erzähler der Loewe-Ballade begleitet, entschwindet dem modernen Gefühl. In der Musikkomödie „L’heure espagnole“ von Maurice Ravel aber tickt eine Uhrensinfonie. Denn das Stück spielt im Laden des Uhrmachers Torquemada, Glocken klingen und Glöckchenspiele und Spieldosen. Was für eine wunderbare Werkstatt, wo der Klangteppich des Tickens zum Handwerk gehört und der Komponist alle diese Schätze des Feinmechanikertums in ein Meisterwerk impressionistischer Farben bindet.

Man war gespannt darauf, wie Marek Janowski, der bedeutende Interpret klassisch-romantischer Sinfonik, mit diesem Kolorit und den Tanzrhythmen in spanischem Gewand umgehen würde. Es sollte indes diesmal nicht sein, ein Grippevirus habe ihn „überfallen“. Ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen kommt die Absage der Diva Vesselina Kasarova.

Umso bewundernswerter, was dennoch gelingt. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielt, als wäre es für seinen Chef, gut vorbereitet und mit viel Engagement unter Julien Salemkour. Bemerkenswert, dass der Dirigent von der Lindenoper sich die einleitende B-Dur-Sinfonie von Chausson quasi über Nacht erarbeitet hat. Er wirkt am Pult wie ein Heißsporn mit Kontrolle, der Körperschwung als Ausdrucksmittel wie beim jungen Lorin Maazel.

Da die buffoneske Stehgreifgeschichte mit ihren Versteckspielen in treppauf und treppab zu schleppenden Uhrenkästen auf die Bühne drängt, war eine szenische Andeutung unter dem Regisseur Günter Roth vorgesehen. Wegen der Umbesetzung muss nun auch diese entfallen. Trotzdem orientiert sich der Hörer im Konversationston der Partitur leicht, weil die Sängertypen mit ihrer instrumentalen Charakterisierung unverwechselbar sind. Mit verführerischem Mezzo singt Ruxandra Donose die liebeslustige junge Frau, ihr Mann, der ehrpusselige Uhrmacher, der das Haus verlässt, um die Rathausuhr aufzuziehen, wird von Andreas Conrad als Tenorbuffo verkörpert. Die während seiner Abwesenheit eintretenden glücklosen Liebhaber, die am Ende die Standuhren, ihre Verstecke, kaufen müssen, sind lyrischer Tenor und Bass, gesungen von Shawn Mathey und Gilles Cachemaille. Und der Mauleseltreiber, dem das Schäferstündchen schlägt, ist „Kavaliersbariton“. Versteht sich, dass Bo Skovhus die Rolle mit listiger Naivität genießt. Im Ganzen ein gut aufgestelltes Ensemble! So bringt die Notlösung in der Philharmonie gefeierten Gewinn. Sybill Mahlke

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