Kultur : Richtig hartes Zeug

-

ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

unsichtbare Konzerte

„Heutzutage haben wir leider viel mehr dumme Musik als früher, weil vor allem Image statt Musik verkauft wird, denn Image ist viel profitabler“, sagt Branford Marsalis . Ob als Saxofonist bei Sting, als musikalischer Leiter der „Tonight Show“ oder als Macher von Buckshot LeFonque, Branford war nie um einen kritischen Kommentar verlegen. Als er in der „Jazz“Dokumentation des Filmemachers Ken Burns zu Cecil Taylor befragt wurde, gab er allerdings den fiesen Schnösel. Es war von Taylors imaginären Konzerten vor imaginärem Publikum die Rede, die der Avantgarde-Pianist aus Mangel an Auftrittsorten in den Sechziger- und Siebzigerjahren in seinem Loft gab. Da rückte Branford Marsalis ins Bild und bezeichnete Taylors Überlebenskunst schlicht als Bullshit und schwafelte in Stammtischmanier von Baseball und Musikkonsum.

Die aktuelle Marsalis-CD „Footsteps Of Our Fathers“ schaffte es Ende 2002 als einziges Jazzalbum in die Bestenliste der deutschen Schallplattenkritik. Der Saxofonist hat diese CD auf seinem eigenen Label Marsalis Music veröffentlicht, nachdem er als Berater und Jazzvertragskünstler von Sony gefeuert worden war. Dessen ungeachtet zieht er immer noch gern über Kollegen her. Bei Joshua Redmans Yaya-Band vermisst er den Groove und bei Charlie Haden stören ihn die klebrigen Streicherarrangements. Nur die „Freedom Suite“ des Saxofonisten David S. Ware lässt er gelten, doch den hatte Marsalis in seiner Beraterzeit als große Saxofon-Entdeckung an Sony vermittelt.

Als er selbst noch ein 26-jähriger Newcomer war, hießen seine Platten „Renaissance“ oder „ Royal Garden Blues“. Seither sind die Verkaufszahlen seiner Jazzplatten ständig zurückgegangen, seine „The Dark Keys“-CD war der absolute Flop. Der Saxofonist und Golfer deutete das jedoch kurzerhand zum Geniestreich um. Sein Motto: Nur wer nichts verkauft, ist wirklich kreativ. Für „Creation“ hat Marsalis Kompositionen von Darius Milhaud, Maurice Ravel und Erik Satie aufgenommen – und betont den antikommerziellen Aspekt. Wenn die klassischen Komponisten immer darauf gehört hätten, was das Publikum will, so Marsalis, dann wären sie wahrscheinlich bei Bach stehen geblieben.

Wenn Branford Marsalis von Jazz spricht, dann meint er richtig hartes Zeug. Wenn es nicht anspruchsvoll wäre, hätte es auch jeder andere machen können. Das Marsalis Quartett mit dem Super-Pianisten Joey Calderazzo kommt morgen und übermorgen zu zwei sensationellen Club-Gigs ins Quasimodo (22 Uhr). Wie gut, dass er noch keine imaginären Konzerte geben muss.

0 Kommentare

Neuester Kommentar