Kultur : Richtig Männchen machen

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Die Verletzte macht das Licht aus. Fricka hat ihrem Mann Wotan in der „Walküre“ alles gesagt, was zu sagen war - und will nun gehen. Sie durchmisst eine Zuschauerreihe des Bayreuther Festspielhauses, das der inszenierende Herbert Wernicke zu Beginn des neuen Münchner „Rings“ im Nationaltheater als alles verbindendes Bühnenbild vorgesehen hatte. Hinten steht noch immer Richard Wagners Walhall als Modell, kalt und marmorn schweigend, vorne machen sich ein Tisch und Münchner Nationaltheaterstühle bemüht gemütlich breit. Und nun legt Fricka den Schalter um, wo sonst Wotan herumfummelt: Zack, Dunkel, aus, und man darf das als Zeichen sehen: Denn Herbert Wernicke ist tot. Vielleicht sollte man noch einmal daran erinnern, dass er Anfang April dieses Jahres gestorben ist, mitten in den Arbeiten an diesem Münchner „Ring“, denn außer einem sprachlich und inhaltlich sehr fragwürdigen Aufsatz des Intendanten Peter Jonas im Programmheft erfährt der Zuschauer nicht viel davon, was hernach in München passiert ist und warum und wozu.

Eine kleine Ansprache zur Eröffnung der Opernfestspiele hätte hilfreich sein können. Auch eine konzertante „Walküre“ wäre denkbar gewesen. Stattdessen addieren sich einige Merkwürdigkeiten: Die Staatsoper hat beschlossen, Wernickes „Ring“ weiterzuführen, dessen „Rheingold“ nur sehr mäßig aufgenommen worden war. Von Wernicke existieren, glaubt man der extra und für teures Geld verpflichteten Produktionsdramaturgin Nike Wagner, lediglich einige Entwürfe für die Fortsetzung. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Bayreuther Zuschauerraum in der „Götterdämmerung“ einstürzen sollte. Das erzählt eine Menge über die behagliche Zuversicht eines Hauses, die Sache würde beim Proben schon einigermaßen eingerichtet. Naheliegend wäre gewesen, wenn sich die Regieassistenz mit der „Walküre“ befasst, und, Hand in Hand mit Nike Wagner, ein eigenes Konzept entwickelt hätte. Stattdessen ist Hans-Peter Lehmann die undankbare Aufgabe zugefallen, zwischen lauter halb fertigen Komponenten die Konzentration auf das Wesentliche herzustellen. Als nächster darf sich der in München wohl gelittene, ein bisschen schräge David Alden an „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ machen und ist dann, anders als Lehmann, auch nicht mehr gezwungen, an der Einheit von Raum, Ort und Zeit festzuhalten. Darüber hinaus wird in München erwogen, Alden später noch eine - dann wieder genuin Aldensche - „Walküre“ produzieren zu lassen. Man nennt es Absicht, spricht von Methode, aber vielmehr als heillos geordnetes Chaos ist es eigentlich kaum.

Die Aufführung der „Walküre“ gerät zu einem Abend, der keinem weh tut und vieles oberflächlich schön zeichnet, ist also durchaus festspielkompatibel. Das fängt an mit der ganz und gar seltsamen Einstellung des Dirigenten Zubin Mehta, der sein Staatsorchester in einer Art von versammeltem Trab bewegt, um just dann innezuhalten, wenn eine „schöne“ Stelle kommt: Todverkündigung, Walkürenritt, Feuerzauber etc. pp. - da macht Mehta richtig Männchen, brezelt sich auf und ignoriert fleißig jedes „Nicht schleppen". Hier ist er Kerl, hier darf er’s sein. Eine Haltung im Übrigen, die bereits im „Rheingold“ bestimmend war, aber durch Wiederholung auch nicht besser wird.

Selbstverständlich kooperiert das Starensemble gerne mit solchen Vorstellungen aus dem Graben, denn auch die zunächst artig dirndelige Waltraud Meier und der gut gefönte Peter Seiffert als Geschwisterpaar wissen, was gerne überhört wird, und was unbedingt zu hören sein muss. Nicht nur die „Wälse"-Rufe kommen denn auch wie eine Eins. Bröckeliger wird die Geschichte bereits beim Hunding des Kurt Rydl, gefährlich scharfkantig bei der Brünnhilde von Gabriele Schnaut, final steinbrüchig und zerknirscht dann bei John Tomlinson als Wotan. Szenisch bewegt sich das Personal mit Beamtenmentalität, nur Frickas bis ins Fingerspitzenzucken durchgearbeiteter Auftritt bildet da eine Ausnahme, auch sängerisch ist Mihoko Fujimura vergleichsweise ein Ereignis, wenn auch ein wenig monochrom im Forte. Der Rest des Abends wechselt zwischen Konvention und Karikatur: zum ersteren gehört die kreuzbrave bis planlose Exekution so gut wie aller Dialoge, zum letzteren die Resteverwertung von Wernickes Planungen (deutsche Bomber fliegen via Leinwand für den Sieg) und gut gemeinte, vermeintliche Action-Szenen. Da steht die Inszenierung ziemlich neben sich.

Neben der Inszenierung stehen dann allerdings auch noch drei Menschen in Masken, die weiter nichts zu tun haben als in der Gegend herumzugucken. Das Einhorn lässt sich weniger zuordnen, die Raben hingegen gehören, wie man weiß, zu Wotan. Je länger man sie anschaut, desto mehr kommt man zu der Einsicht, dass der eine der beiden einfach nur ein Statist ist. Der andere jedoch legt manchmal seinen Kopf gefährlich schief, und wer auch immer drin steckt in diesem Kostüm - Wagner, Wernicke oder das Weltoperngewissen - man kann sich nicht helfen: Dieser Rabe rät ab. Mirko Weber

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