Kultur : Richtung und Wahrheit

Der Sommer hat zwar noch nicht begonnen, aber die Herbstproduktion der Verlage liegt zum Teil schon jetzt in Redaktionen und im Buchhandel (Vorbestellungen!). Und diese erst im Spätsommer und Herbst erscheinenden Bücher bieten natürlich Stoff für so manches Betriebsgeschnatter. Allen voran der Ende August erscheinende Roman des in Berlin und Wien lebenden Österreichers Norbert Gstrein, „Die ganze Wahrheit“. Der Roman soll zunächst von einem Verleger mit dem bezeichnenden Namen Heinrich Glück handeln, der sich scheiden lässt, als er die junge, exzentrische Dagmar kennenlernt. Nach seinem Tod schreibt Dagmar ein Buch über ihn und vor allem sein Sterben. „Die ganze Wahrheit“ spielt in Wien, doch die Figurenkonstellation kennt man aus dem richtigen Leben, aus Frankfurt: Der Verleger hieß Siegfried Unseld, seine zweite, um viele Jahre jüngere Frau heißt Ulla Berkéwicz, und das Buch, das sie über seinen Tod schrieb „Überlebnis“.

Gstrein zeichne das „Porträt einer Frau, die nur an eine Wahrheit glauben will: ihre eigene“ kündigt der Hanser Verlag in seiner Vorschau an und spricht von einer „Inszenierung der Macht“, die sich hier darstelle. Selbstverständlich denkt man dabei überhaupt nicht an die Suhrkamp-Verlegerin. Gstrein, der viele Jahre lang Suhrkamp-Autor war und erst seit 2008 mit seinem Roman „Der Winter des Südens“ bei Hanser ist, hat in einem Interview gesagt, keinen Schlüsselroman im Sinn gehabt zu haben. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind also rein zufällig? Das mag man kaum glauben; ob Norbert Gstrein einen literarischen Mehrwert daraus zieht, einer höheren Form von Wahrheit auf die Spur kommt, wird die Lektüre zeigen. Der Suhrkamp Verlag aber ist wieder in Charts und Medien – einmal mehr ohne eigenes Buch.

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