Kultur : "Ride with the Devil": Damals im kalten Süden

Julian Hanich

Die USA wurden 1776 im Krieg geboren. Später drohte ein brutaler Bürgerkrieg die Nation in der Mitte auseinander zu reißen. Triumph und Trauma der Amerikaner waren auch im 20. Jahrhundert immer eng an Sieg und Scheitern des Militärs gebunden. Im Selbstverständnis der USA besetzen Kriege eine strategisch wichtige Position. Kaum verwunderlich, dass spätestens seit D. W. Griffiths "The Birth of a Nation" (1915) der mythisch-industrielle Komplex Hollywood an der populären Erinnerungsfront um Darstellung und Deutung der Kriege kämpft.

Heute sind es Pathetiker wie Spielberg und der Wahl-Amerikaner Emmerich, die der patriotistischen Glorie schmeicheln. Oder Wüteriche wie Oliver Stone wühlen in Erinnerungswunden. Zwischen diesen Marktschreiern finden andere Regisseure stillere, feinere Töne. Zuletzt galt das für Terrence Malicks Schreckensballade über den Zweiten Weltkrieg, "Der schmale Grat". Nun untersucht Ang Lee in "Ride with the Devil" den amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865), dieses Nord-Süd-Gemetzel, das mehr Amerikaner tötete als je ein Krieg zuvor und danach.

Der Film beginnt und endet mit einer Hochzeit. Dazwischen hat sich der Protagonist Jake Roedel (Tobey Maguire) verändert - und mit ihm seine ganze Welt. An der Grenze zwischen dem Staat Missouri und dem "blutenden Kansas" stehen sich Nachbarn auf Farmen und Dorfstraßen in einem grausamen Guerillakrieg gegenüber. Die Gefechte finden an den ausgefransten Rändern des Krieges statt: fernab der eigentlichen Armee-Schlachtfelder und weit entfernt von der dicht besiedelten Ostküste. Diese archaischen Guerillakämpfe sind ein weithin vergessenes Kapitel des ersten modernen Krieges überhaupt.

Im Zentrum steht eine Gruppe von sogenannten Bushwhackers, die - ohne Uniform und sehr brutal - für die Südstaaten kämpfen. Dazu gehören Roedel und sein Freund Jack Bull Chiles (Skeet Ulrich), die jugendlicher Idealismus in den Kampf drängt. Dazu gehört der von Sadismus getriebene Pitt Mackeson (Jonathan Rhys Meyers). Und paradoxerweise ist auch der ehemalige Sklave Daniel Holt (Jeffrey Wright) beteiligt.

Schon in der "Der Eissturm" hat sich der Taiwan-Chinese Ang Lee Amerika etwas genauer als andere angeschaut. In "Ride with the Devil" träumt er sich keinen Candycolor-Süden zusammen, sondern erzählt in kalten Bildern detailliert von einer Zeit des Übergangs. Seine Südstaaten-Guerillas gehorchen - zwischen Gewalt und Gastfreundschaft - feinen Gesellschaftsregeln und den Gesetzen der Sippenverbundenheit. Gleichzeitig sind sie langhaarige Analphabeten, für die Parfum ein unangenehmer Geruch ist. Ang Lees Bushwhacker sind wohlerzogene Wilde der Vorindustrialität. Und ihrem antiquierten Ehrenkodex zufolge dürfen selbst die einstigen Sklaven aus freundschaftlicher Ehrverpflichtung gegen die Befreier aus dem Norden kämpfen. Diese Kultur des Südens wird nach dem Krieg von den Yankee-Idealen verdrängt. Im Gegensatz zu "Vom Winde verweht" (1939) geht es dabei nicht um den nostalgischen Untergang der Kultur des Alten Südens. Sondern im "Prozess der Zivilisation", wie ihn Norbert Elias genannt hat, muss ein altes Kultursystem einem Ideal der Zukunft weichen: den Vorzeichen von Bildung und Industrie, dem Morgengrauen von Gleichheit und gleichzeitigem Individualismus. Und natürlich der Emanzipation der Schwarzen.

Am Ende werden Roedel die langen Haare geschnitten, und er stellt fest, dass er dadurch viel jünger wirkt. Die Szene symbolisiert nicht nur die Zähmung der Rohlinge, sondern verweist auch auf die Verjüngung Amerikas durch den Sieg der Nordstaaten. Und wenn ihm die Ehe anfangs noch als Sklaverei gilt, so wird Roedel am Schluss verheiratet und domestiziert in eine bessere Zukunft aufbrechen. Das mag für jemanden wie Ang Lee eine Spur zu amerikanisch wirken. Aber in diesem Ende steckt auch eine Antwort auf Griffiths rassistischen Klassiker, in dem der Ku-Klux-Klan die Zukunft der USA sichert. Ang Lee dagegen feiert die Neugeburt der Nation aus dem Geist der Familie.

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