Ridley Scotts Kreuzzugs-Epos : Gottes Krieger

Nahostkonflikt als Mittelalter-Saga: der Monumentalfilm „Königreich der Himmel“

Christiane Peitz

Der Krieg im Kostümfilm ist eine Frage der Perspektive. Entweder er kommt als choreografiertes Massenereignis daher: mit Fahnenmeer, Lanzenwald, Schwärmen von Pfeilen, Reiter-Phalanx und Ameisen-Armee – die Feldherrenperspektive. Oder er ist eine Schlammschlacht: Drecksarbeit in Kettenrüstung und grobem Stoff, mit donnernder Pferdehufen, Muskelschwerkraft, blutigen Waffen und schwärenden Wunden. Das Chaos aus Sicht des Fußsoldaten.

So, aus der Untersicht, beginnt Ridley Scotts Kreuzzugs-Epos im Frankreich des Jahres 1184: mit Faustkämpfen und Zeitlupengemetzel im finsteren Wald vor dräuendem Wolkengebirge. Die Leinwand erbebt gleichsam unter der Wucht der Schwerthiebe. Und so, aus himmlischer Höhe, endet der Film: mit der Eroberung Jerusalems durch die Sarazenen samt Kapitulation am 2. Oktober 1187, einer Materialschlacht samt einstürzenden Stadtmauern, Feuerkugel-Katapulten und Tausenden von Komparsen. Ein schauriges Fest für die Schaulust.

Dazwischen liegt eine etwas andere Heldenlegende: die Saga von Balian. Ein einfacher Hufschmied zieht aus, um die Düsternis seiner Seele zu überwinden und schließlich als tapferer, edler Ritter dem Nahostkonflikt mit einem politisch beeindruckend korrekten Toleranzedikt zu begegnen. Die Klagemauer der Juden, der Felsendom der Moslems, die Grabeskirche der Christen, keines der Heiligtümer hat Vorrang. Balian reißt die besiegte Stadt nicht in den Untergang, sondern erwirkt freies Geleit für die Bevölkerung. Orlando Bloom („Herr der Ringe“) spielt diesen Helden wider Willen wie eine Mischung aus Jesus, Leonardo DiCaprio und Hans Weingartner.

Aber Balian ist kein Unschuldsengel im Clash der Kulturen von Christen und Moslems. Und auch kein Orlando Löwenherz, der die in den USA immer noch nachhallende Bush-Rede vom Kreuzzug gegen die Achse des Bösen mal eben zum Kampf für das friedliche Zusammenleben der Völker veredelt. Dieser Balian, der als historische Figur aus der Zeit zwischen dem 2. und dem 3. Kreuzzug verbürgt ist, tritt zunächst als zutiefst Depressiver auf – nach dem Selbstmord seiner Frau. Kein Tatmensch, ein Gotteszweifler. Der Ritterschlag seines gütigen Fürstenvaters Godfrey von Ibelin (Liam Neeson), der den illegitimen Sohn in den Adelsstand erhebt und in die Heilige Stadt mitnimmt, ist ihm unangenehm. Der Vater stirbt, der Sohn zögert. Die Schwachen schützen? Ein „Kingdom of Heaven“, ein Königreich des Gewissens, wie der Sterbende sagt? Was, bitte, hat ein Schmied mit den Kreuzzüglern zu schaffen!

Auch die Befürchtung, die Historiker in der „New York Times“ ein halbes Jahr vor dem weltweiten Filmstart von „Königreich der Himmel“ hegten, erweist sich als haltlos. Drehbuchautor William Monahan bedient kein Klischeebild vom bösen Araber, im Gegenteil. Der legendäre Sarazenenfürst Saladin (der syrische Filmstar Ghassan Massoud) ist auch bei Scott ein friedliebender Scheich, dem das von den Weltreligionen umkämpfte Jerusalem zunächst einen Waffenstillstand verdankt, im Bund mit dem ebenso weisen Christenkönig Balduin IV. Leider gibt es auf Christenseite viele Fanatiker: die kriegslüsternen Templer, den machtgeilen Guy, dem die schöne Königsschwester Sibylla (Eva Green) angetraut ist, die korrupten Speichellecker, die Eiferer, den verlotterten Klerus. „Von Ihnen lernt man viel über Religion“, bedeutet Balian dem opportunistischen Bischof.

Wenn dieser Film Partei ergreift, dann nicht gegen den Islam, sondern gegen Fundamentalismus und Bigotterie vor allem abendländischer Provenienz. Als der leprakranke, mit Silbermaske und weißen Bandagen wie eine wandelnde Mumie gekleidete König stirbt, zetteln die Unholde den totalen Krieg an.

Ridley Scott, der großartige Filme wie „Alien“, „Blade Runner“ und „Thelma & Louise“ gedreht hat, versteht sich erneut auf Bildgewalt. Ob Alcazar oder Wüstenfort: Die opulent ausstaffierten, in Spanien und Marokko gedrehten Szenen beschwören das Chiaroscuro historischer Schlachtengemälde herauf, die ästhetische Strenge eines Georges de la Tour genauso wie die Leinwandschlachten eines Kurosawa oder die Fata Morgana von Tausendundeiner Nacht. Ein Paradox: Ausgerechnet die Überfrachtung des Historienschinkens sorgt für Kurzschlüsse mit den Nachrichtenbildern von heute. Israel und die Palästinenser, Irakkrieg, Terror, Invasion, Flucht und Vertreibung: Ohne dass Scott explizit darauf anspielt, geht einem im Kino all das durch den Kopf. Das öffentliche Sterben des siechen Königs gemahnt an die jüngsten Bilder vom Papst, und noch die stürmische Überfahrt von Messina samt Schiffbruch und Riesenwelle nimmt sich wie ein Vorläufer der Tsunami-Katastrophe aus.

Leider trägt der Assoziationsreichtum nicht zu einem komplexen Menschenbild bei. Es bleibt gefährlich simpel, selbst in den Wirren von Krieg und Intrigen. Die good guys müssen sterben (neben Liam Neeson und dem König auch David Thewlis als Beichtvater), oder sie setzen auf Diplomatie. Und die bad guys täuschen lieber Kriegsgründe vor, als die Waffen ruhen zu lassen. Keine einzige schillernde Figur, nicht einmal der vom Dauerkonflikt zermürbte Jeremy Irons als Militärberater Tiberius. Fazit: Der Nahostkonflikt lässt sich prima lösen, die Leute in Jerusalem müssen sich nur endlich vertragen. Ach ja.

Warum eigentlich schlägt Balian das Angebot aus, seiner Liebe zu Sibylla nachzugeben und als ihr Gatte den Thron anstelle des gefährlichen Guy zu besteigen? Die Schlacht um Jerusalem hätte er so auf angenehme Weise verhindern können. Ridley Scott musste „Königreich des Himmels“ für die Kinoversion über eine Stunde kürzen. Mag sein, dass manche politische und psychologische Nuance der Schere zum Opfer fiel. Scotts Weltkriegsbild bleibt grob geschnitzt. Rührend, wie der gute Balian zur finalen Schlacht Jerusalems Männer zu Rittern schlägt. Alle auf einen Streich, selbst den kleinen Jungen mit dem treuseligen Blick. Fußsoldaten nennen so etwas Zwangsrekrutierung.

Ab Donnerstag in 24 Berliner Kinos;

Originalversion im Cinemaxx Potsdamer Platz und Cinestar SonyCenter

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