Kultur : Riechen, Tasten, Reingreifen

In der Krypta der Kunst: Das österreichische Mistelbach richtet Hermann Nitsch eine Retrospektive zum 75. Geburtstag aus.

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Blutrot. Hermann Nitsch 2011 bei einer Performance. Foto: Nitsch-Museum/Brooke Eastburne
Blutrot. Hermann Nitsch 2011 bei einer Performance. Foto: Nitsch-Museum/Brooke Eastburne

Es war schon immer eine blutige Angelegenheit, Hermann Nitsch und seiner Kunst zu begegnen. Ein Grenzübertritt ins intensivere Leben – da ist sich der Wiener Aktionist treu geblieben. In der Rezeption aber hat sein Werk eine immense Wandlung seit den frühen 70er Jahren durchlaufen, als seine damalige Ehefrau – unter ihrem Mädchennamen – Schloss Prinzendorf in Mistelbach bei Wien kaufte, weil niemand den Künstler auf Dauer in seiner Nähe haben wollte. Einen Berserker, dessen ersten Auftritten Prozesse und Gefängnisstrafen folgten. Heute ist Mistelbach stolz auf das enfant terrible, das im Ort lebt. Sammler und Museen in aller Welt besitzen Arbeiten von ihm, die Stadt selbst hat 2007 ein Nitsch-Museum eröffnet. Man hat über die Jahre sehr wohl begriffen, dass Nitsch mehr will als mit menschlicher Nacktheit und tierischen Eingeweiden zu provozieren.

Überprüfen lässt sich das noch einmal in der Retrospektive, die Mistelbach zu Nitschs 75. Geburtstag am 29. August veranstaltet. „Sinn und Sein“ versammelt die Marksteine eines wilden Kunstschaffens, das 1962 mit der dreitägigen Einmauerung von Nitsch, Adolf Frohner und Otto Mühl in dessen Kelleratelier begann und im Manifest „Die Blutorgel“ gipfelte. „Meine Werke kann man riechen, betasten; man kann hineingreifen und hindurchgreifen – man kann sie aus-greifen“: Das scheint den Mann mit der kleinen, runden Statur noch immer anzutreiben, der manchmal abwesend wirkt und doch mit großer Präzision choreografiert. Der nicht bloß Ausstellungen plant, sondern tagelange „Orgien Mysterien Theater“ mit ritualisiertem Blutfluss, toten Tieren und Prozessionen. Im Sommer 2014 soll es Nitschs „wahrscheinlich bisher größte Arbeit“ geben, ein Sechs-Tage-Spiel auf Schloss Prinzendorf.

Es war auch eine Aktion für Berlin geplant. Inzwischen wurde sie abgesagt, weil die Auflagen sehr hoch, vor allem aber zu teuer waren. Im Juni ließ das Centraltheater Leipzig ein Drei-Tage-Spiel aufführen. Aber wer seine Ansichten über Nitschs drastisch-radikales Bildprogramm am realen Gegenstand schärfen will, muss nach Mistelbach fahren. Das Museum, ein ehemaliges Fabrikgebäude, ist ganz ihn eingerichtet. Mit einem Untergeschoss, das wie eine Krypta wirkt und sein großes Geruchs- und Geschmackslabor beherbergt. Nitsch, mit seinem Hang zum Theatralischen im ursprünglichen Sinn, bewahrt hier auf, was elementar für seine Arbeit ist. Das Werk entfaltet sich ins obere Geschoss, mit fotografischen Dokumenten früher Aktionen seit 1965, dem meterlangen „Blutorgelbild“ (1962) und den Schüttbildern der Gegenwart.

Neue Ansichten verdankt die eindringliche Ausstellung der Sammlung von Julius Hummel, einem Wiener Kunsthändler, der viel aus der Frühzeit zeigen kann. Den Kontrapunkt bildet in der Kapelle eine interaktive Bildprojektion. Geschaffen hat sie das Ars Electronica Futurelab, damit der Besucher alte mit neuen Arbeiten überblenden und den Pixeln bis ins Detail folgen kann. Im Wechsel erscheinen Schlachthausszenen und großartige Bilder wie das „Letzte Abendmahl“ (1983), in dem Nitsch das menschliche Innere erforscht und zum Labyrinth umformt.

Zweifelhaft bleibt allerdings, ob die propagierte „sinnliche Erweiterung“ seines Werks mit digitalen Mitteln überhaupt nötig ist. Unterforderung der Sinne ist sicher das kleinste Problem seines Werks. Eher die geografische Verortung. Noch finden sich im Museum knapp 25 000 Besucher jährlich ein. Direktor Michael Karrer möchte die Zahl mindestens um ein Drittel steigern.

Was nicht ganz einfach ist, weil Wiens konkurrierende Kultur nah ist – und doch nicht nah genug, um von dort eben mal nach Mistelbach zu fahren. Dennoch ist diese immer noch katholisch geprägte, ländliche Weinbaugegend eine Chance zum Verständnis. Sich vorzustellen, welcher Geist hier wie in Wien in den 60er Jahren herrschte, gegen den nicht nur Nitsch aufbegehrte. Er hat die Atmosphäre für sich gewendet, seinen Aktionen die katholische Liturgie zugrunde gelegt, um den Geist in andere Richtungen zu erschüttern und zu läutern. Das wird hier bis heute fassbar. Aber man merkt auch, dass die revolutionäre Geste in die Jahre gekommen ist. Christiane Meixner

Nitsch-Museum, Mistelbach, bis 31. Juli 2014, täglich 10 -18 Uhr. Infos: www.nitschmuseum.at

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