Kultur : Riesen-Hostel Prora eröffnet

Was tun mit dem NS-Bauerbe? Auf Rügen wird das KdF-Seebad als Jugendherberge wiederbelebt.

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1937 wurde das Modell des KdF-Seebades Prora der Öffentlichkeit vorgestellt, die Anlage des Architekten Clemens Klotz gilt als eines der ersten Beispiele von geplantem Massentourismus.Alle Bilder anzeigen
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04.07.2011 13:091937 wurde das Modell des KdF-Seebades Prora der Öffentlichkeit vorgestellt, die Anlage des Architekten Clemens Klotz gilt als...

Als das Modell des KdF-Seebades Prora 1937 der Öffentlichkeit auf der Weltausstellung in Paris vorgestellt wird, ist die Jury fasziniert. Die 4,5 km lange Hotelanlage für 20 000 Menschen am Ostseestrand auf Rügen erhält den Grand Prix. Es ist die Zeit, als Architekten und Ingenieure monumentale Großbauten für die moderne Massengesellschaft ersinnen, Bürotürme und Großsiedlungen, Kraft- und Industriewerke, Stadien und Autobahnen. Während die Bandstadt-Ideen Ernst Mays für Magnitogorsk (1929) und die von Le Corbusier für Algier (1931) Papier bleiben, wird Prora tatsächlich gebaut, wenn auch nie vollendet.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs stehen sieben von acht Hotelblöcken im Rohbau; 1943 werden Teile der Anlage für die Opfer des Luftangriffs auf Hamburg ausgebaut, 1944 wird sie Lazarett, schließlich Flüchtlingsunterkunft. Nach Kriegsende internieren die Sowjets Landbesitzer; als die Nationale Volksarmee Prora 1956 übernimmt und die verbliebenen fünf Hotelblöcke notdürftig herrichtet, werden bis zu 10 000 Soldaten hier stationiert.

Am heutigen Montag wird in Prora die größte internationale Jugendherberge Mecklenburg-Vorpommerns eröffnet – es könnte einmal die größte der Welt werden. Im nördlichsten Block des ehemaligen KdF-Seebades warten in 99 Zimmern 418 Betten auf Jugendliche und Familien aus dem Ostseeraum und ganz Europa; der dazugehörige Jugendzeltplatz ist mit seinen 250 Standplätzen für weitere 1000 Gäste ausgelegt. Eigentümer ist der Landkreis Rügen, der es im Erbbaurecht an das Deutsche Jugendherbergswerk vergeben hat. Die Kosten von 16,4 Millionen Euro stammen aus neun öffentlichen Fördertöpfen von EU, Bund und Land.

Zur Eröffnung steigt ein Festival für Straßenkünstler und -musiker aus aller Welt. Sie sollen die letzten bösen Geister vertreiben. Den Bann gebrochen hatte vor acht Jahren das Festival Prora 03, als 15 000 Jugendliche mit Musik und Spielen den Ort für sich eroberten. Das Seebad war das Projekt der NS-Massenorganisation „Kraft durch Freude“. Gewerkschaften und Arbeiterbewegung waren zerschlagen, ihre Führer im KZ. Terror und Verführung – nämlich die Zwangsvereinigung in Arbeitsfront und „Kraft durch Freude“ – sollten die Arbeiterschaft ruhig stellen und für das NS-System gewinnen.

Mehr zur Geschichte des ehemaligen Seebads lesen Sie im zweiten Teil.

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