Kultur : Riesenkind aus Mohrenland

JÖRG KÖNIGSDORF

Es ist das letzte von vielen Bildern, die sich an diesem Abend unauslöschlich in Herz und Hirn brennen: da liegt dieser linkische, schwarzangemalte Popanz allein auf dem Bühnengerüst, verendet hilflos am inneren Schmerz.All die, die ihn schon längst fallengelassen haben, schauen sich derweil ein Gewaltvideo an.Auf den, der da mit fast versagender Stimme sein Leben abschließt, hört keiner mehr.

Mit seiner ersten Opernregie hat sich Frank Castorf Verdis "Otello" zugewandt und erreicht auf Anhieb, was nur wenigen Regisseuren gelingt: Hinterher wird die Geschichte nicht mehr das sein können, was sie zuvor war, immer wieder wird zukünftig dieser tolpatschige, quäkende Kerl sich vor die konventionellen Macho-Otellos drängen und sie als aufgeblasene Pappkameraden denunzieren.Jeder Widerspruch verstummt angesichts der Akribie, mit der sich Castorf an Text und Musik hält, ohne sich jemals dem Klischee auszuliefern.Da sitzt Desdemona zu Beginn des vierten Aktes mit Emilia am Abendbrottisch, und beiläufig beginnt die lapidare Konversation: "War er ruhiger?" - "Ich hatte den Eindruck." Ein Glas Rotwein in der Hand, sinniert sich Desdemona in ihre "Salce"-Arie hinein, bei den "Cantiamo!"-Aufforderungen des Refrains Emilia zuprostend und sich ihrer Gegenwart wieder bewußt werdend.Was entdeckt Castorf nicht alles allein in dieser Szene, wie schärft er den Kontrast zwischen Emilia und Desdemona! Emilia, sonst blasse Kammerfrau, ist hier eine niedrige Figur, die selbstgefällig den von Desdemona geschenkten Ring betrachtet.Auf das befehlend-verabschiedende "Buona notte" ihrer Herrin schlingt sie noch gierig die letzten Spaghetti herunter.

Fern jeder bloßen Provokation macht Castorf immer wieder bewußt, was eigentlich gesungen wird.Otello ist ihm ein riesiges Kind.Wie Mohrenkönig Balthasar aus einem spätmittelalterlichen Schnitzaltar taucht er aus der Versenkung empor und läßt sich vom "Eviva"-Chor des ersten Aktes feiern.Als einziger hält er bis zum Ende an seiner shakespearigen Kostümierung fest, während sich alle anderen schon dem vom Chor vorgegebenen Schwarz-Weiß-Trend der Gegenwart angepaßt haben.Castorfs Otello geht an seinem Beharren auf kindisch feudaler Willkür zugrunde.Was sich im ersten Akt noch bruchlos in die rohen Soldateska-Späße von Cassio und Jago einordnet, wirkt bald darauf hoffnungslos antiquiert.Inmitten der nüchternen Hofgesellschaft macht sich der herumtollende Hüne nur noch lächerlich.

Von Anbeginn gerät diese Produktion aber auch zu einem Triumph des Ineinanderwirkens von Regie und Musikern.Julia Jones gibt ihre Antrittspremiere als neue Basler Generalmusikdirektorin mit einem faszinierend ausgearbeiteten Dirigat, das in jeder Phrasierung seinen szenischen Bezug wahrt.Immer wieder entwaffnen neue Details, Crescendi in den Streichern werden als Zunahme szenischen Drucks wahrnehmbar, jede Orchesterstimme gewinnt eine expressive Bedeutung.Die Fagottlinie in Otellos "Dio! mi potevi scagliar", seinem Zusammenbruch nach der Konfrontation mit Desdemona, gewinnt so eine tragikomische Bedeutung, die das Jämmerliche seines Zustandes in den Vordergrund rückt.Dabei bleibt selbst in den tutta-forza-Gewitterschlägen der Orchesterklang transparent, behält Jones noch in der schwersten Blechakkordballung den vorantreibenden Puls im Auge.Geschmeidig geraten die Tempowechsel, ohne Anzeichen dirigentischer Willkür.

Dazu paßt, daß hier echte Sänger-Darsteller am Werk sind.Vom stimmlichen Gesichtspunkt allein sind weder Albert Bonnemas Otello noch Brian Montgomerys Jago Weltklasse.Für Bonnema ist die Partie ein Kraftakt, mächtig muß der Niederländer forcieren.Da versagt schon mal die Intonation, doch was wiegt das gegenüber einer derart intensiven Darstellung? Trifft nicht gerade das Grelle, zuweilen bewußt bis ins Plärrende Gesteigerte seiner Stimme genau die geforderte Bühnenfigur? Am Schluß, beim "Niun mi tema" versagt ihm fast die Stimme - und doch treffen sich bei diesem Singen am Abgrund Darsteller und Rolle auf ergreifende Weise.Ähnlich Montgomery, der mit seinem fahlen Timbre und seinen begrenzten Reserven an sich kaum Staat machen kann.Das "Credo" wird so freilich geopfert, hier steht kein großer Charakter, sondern eher ein Werkzeug des Bösen, ein bloßer Intrigant, der sein Mäntlein lediglich nach dem Winde hängt.Er vollzieht seine Wandlung zum modernen Menschen genauso bruchlos wie Desdemona, die von Iano Tamar üppiger, kraftvoller als gewohnt gesungen wird.Kein reiner Engel, sondern eine attraktive, auch sinnliche Frau - stimmlich wie darstellerisch.Ein Triumph des Musiktheaters bis in die kleinste Nebenrolle und ans letzte Orchesterpult.

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