Kultur : Riesenschlange im Streicherzoo

Annäherung an Bruckner und den romantischen Klang: Simon Rattle eröffnet die Saison der Berliner Philharmoniker

Jörg Königsdorf

Das Prekäre an der Debatte um Simon Rattle und den „deutschen Klang“, die im Frühjahr für so viel Aufregung sorgte, ist ihre Nachwirkung. Denn auch wenn die Krisengerüchte und Verschwörungstheorien, mit denen das Thema zur Sensation aufgeblasen wurde, sich längst verflüchtigt haben, steht die Kernfrage immer noch im Raum: Wie hält es Sir Simon denn nun mit der romantischen deutschen Sinfonik, die letztlich das Herzstück des Repertoires und, wichtiger noch, der zentrale Identifikationspunkt eines jeden Sinfonieorchesters ist?

Die Frage harrt, auch nach Rattles erstem Berliner Wagner-Versuch, dem „Rheingold“ zum Ende der vergangenen Spielzeit, noch immer einer Antwort. Dass Rattle nun gleich zur Eröffnung der neuen Spielzeit ein Werk wie Bruckners Siebte aufs Programm setzt, zeigt immerhin, dass Sir Simon und seine Philharmoniker das Problem bewusst angehen.

Wenn Rattle diesen eminent wichtigen Abend mit dem ersten Violinkonzert des Polen Karol Szymanowski beginnt, dann bringt er jedoch erstmal das in den letzten fünf Jahren Erreichte in Erinnerung. Szymanowskis 1922 uraufgeführtes Werk ist nichts anderes als die Antithese zu allem nachromantischen Bombast: Musik, die ganz im Raffinement delikater, sinnlich überfeinerter Klangwirkungen aufgeht, die oft körperlos seidigen Streicherklang, den virtuos flirrenden Pointilismus in den Bläsern fordert, deren Crescendi aufrauschen wie vom Wind geblähte Tüllgardinen. Musik mithin, die gerade die Fähigkeiten fordert, an denen das Orchester in den letzten fünf Jahren so intensiv und erfolgreich gearbeitet hat.

Rattle hat ein enges Verhältnis zu dieser Musik, viel Szymanowski hat er aufgeführt und eingespielt, kostet diesen akustischen Parfümrausch bis in die letzten Finessen aus. Dass der makellos souveräne Frank-Peter Zimmermann den Solopart mit einer guten Portion klassizistischer Coolness spielt, offenbart eine bezwingende Werkdramaturgie – das Soloinstrument durchschreitet diesen exotischen Garten der Klänge, adelt die Sinnlichkeit durch den kristallklaren Ton, mit dem es die Impulse des Orchesters aufnimmt.

Dieser Beginn ist freilich auch eine Positionsbestimmung des Interpreten Simon Rattle als eines Musikers, dessen Leidenschaft und Fähigkeit gerade im spektakulären Erlebbarmachen des musikalischen Effekts liegt, der etwa Strauss’ „Heldenleben“ eine schier unglaubliche Detailpräsenz verleihen kann und der selbst die Spielzeugpüppchen von Debussys „Boite a joujoux“ in ihrer zerbrechlichen Anmut zum Leben erwecken kann. Taugt dieser ansteckende Optimismus, der schon bei den Sinfonien Gustav Mahlers an seine Grenzen stößt, auch für Bruckner?

Es ist kennzeichnend, dass sich Rattle für sein erstes Berliner Bruckner-Dirigat ausgerechnet die vergleichsweise lichte und geradlinige Siebte ausgesucht hat – die einzige Bruckner-Sinfonie, die er auch während seiner zwanzig Jahre in Birmingham in regelmäßigen Abständen aufs Programm gesetzt und auch vor zehn Jahren eingespielt hat. Was bereits zeigt, dass dieser für deutsche Orchester so essenzielle Werkkorpus eigentlich ganz am Rande von Rattles musikalischem Universum liegt. Und dass seine Interpretation zwangsläufig nicht aus einem gewachsenen Verständnis eines eigenen Bruckner-Stils schöpfen kann, sondern eher von anderen Einflussfaktoren wie der Musik Olivier Messiaens bestimmt wird.

Schon das zelebrierte Hauptthema des ersten Satzes, das sich über dem hauchzarten Tremolo der hohen Streicher erhebt, kündigt in der Philharmonie an, dass Rattle hauptsächlich auf melodiöse Innigkeit setzt und auch hier lieber den Augenblick auskostet, statt durch ein rascheres Tempo den Zusammenhalt und die dramatische Kontrastwirkung der Themen zu betonen. Bruckners Siebte als langer, ruhiger Fluss, als Weihnachtslied in vier Sätzen, das in seiner angestrebten Innigkeit oft im Behäbigen stecken bleibt.

Denn Widerständiges wie etwa das bocksbeinige Motiv, das im ersten Satz immer wieder für Unruhe sorgt, gibt bei Rattle nur müde Impulse. Im langsamen Satz verwischen die Geigen die feierliche Strenge, die dieser verkappte Trauermarsch bräuchte, oft mit säuselndem Pianissimo, während die Wagner-Tuben die Stimmung mit säuerlichen Tönen durchsetzen. Das Scherzo hat man selten so glanz- und energielos gehört, im Finale reiht sich lediglich eine Episode an die andere. Unfreiwillig erklärt Rattles Interpretation, warum der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick die Siebte seinerzeit als „Symphonische Riesenschlange“ bezeichnete: siebzig Minuten Geräkel. Den deutschen Klang findet Rattle diesmal nicht, aber auch keinen anderen, gleichwertigen Zugang zu Bruckners Welt: Der Glanz des Streichertons, der eben noch so wunderbar zu Szymanowskis Violinkonzert passte, kann hier den Verlust an Tiefenschärfe nicht verdecken. Der Weichzeichner, mit dem Rattle die Architektur der Brucknerschen Sätze verhüllt, raubt dem Werk seine Binnenspannung.

Mit seinen langsamen Tempi orientiert sich Rattle überraschenderweise eher an der alten deutschen Kapellmeistertradition und ihren berüchtigten „Bruckner-Nebeln“ – ohne freilich deren pathetische Größe zu erreichen. Die aufregenden Bruckner-Interpretationen für das 21. Jahrhundert liefern derzeit andere Dirigenten: Kent Nagano beispielsweise, der Bruckner in das Zentrum seiner Berliner Jahre gestellt hatte und im Finale der vermeintlich so harmonischen Siebten die Zentrifugalkräfte der Moderne entdeckt hatte, die sich nur noch mit der geballten Kraft der Schlussakkorde zusammenzwingen ließen. Oder Philippe Herreweghe, der dieses Werk ganz aus der Tradition Schuberts heraus mit bestechender Frische und Formklarheit eingespielt hat.

Rattle dagegen muss sein Verhältnis zu Bruckner wohl noch klären. Vielleicht ist er am 19. Oktober, wenn er die „Vierte“ in der Philharmonie dirigieren wird, ja schon einen Schritt weiter.

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