Kultur : Ringelpiez

Federico León eröffnet die "Foreign Affairs".

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Locker finden 121 Menschen auf der Bühne des Festspielhauses Platz, sie können tanzen, rennen, sich in Grüppchen im Raum verteilen, kein Problem. Sie lassen sich nieder wie auf einer sommerlichen Wiese, lauschen einer Latino-Band, sie singen und klatschen, sind mal jauchzend gestimmt, mal betrübt – und unglücklich verliebt. Der Argentinier Federico León hat zur Eröffnung des neuen Festivals „Foreign Affairs“ eine Art Massenflirt organisiert. Er will mit „Las Multitudes“ Gemeinschaft stiften, zwischen den Geschlechtern, zwischen den fünf Generationen, die sich hier tummeln. Man spricht spanisch, aber niemand reagiert panisch, alles friedlich, schiedlich, niedlich, vom Tasten im Dunkeln mit Taschenlampen am Anfang zum großen Menschheitskreis am Schluss.

Was soll das werden? Ein gruppendynamisches Massenexperiment? Dagegen spricht die überaus ordentliche Organisation des Wechselspiels, da ist wohl nichts dem Zufall überlassen. Trotz angedeutetem Streit und Liebesschmerz, trotz Rivalitäten und Differenzen soll hier, so träumt der Regisseur, ein „Gesellschaftsideal“ entstehen. Aber wer will in einer solchen Gesellschaft leben? Wie langweilig ist das! Beim Vorgänger-Festival „Spielzeit Europa“ hat Lemi Ponifasio 2011 etwas Ähnliches probiert. Er holte Neuköllner Kids ins Festspielhaus, führte mit ihnen dunkle Rituale auf, während León jetzt alles schön und hell macht.

„Las Multitudes“ (noch einmal am Montag, 17 Uhr) sind gewiss nicht programmatisch für die „Foreign Affairs“, die in den kommenden vier Wochen ein Riesenangebot bereitstellen, im Haus der Berliner Festspiele wie an kleineren Spielstätten. Man kann diese Auftaktveranstaltung nicht kritisieren, dem entzieht sie sich. Es ist nicht einmal Laientheater oder Laientanz. Und wie soll man keine schlechte Laune bekommen, wenn 121 Menschen oben auf der Bühne sich 70 Minuten lang locker, lustig, freundlich geben und es wohl auch sind, und man sitzt da unten im Parkett, ausgeschlossen von so viel inszenierter Lebensfreude? Wenn das Hunger auf Theater, auf Drama, auf Schmerz und Schönheit machen sollte, dann hat es gut funktioniert. Rüdiger Schaper

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