Kultur : Rings um den Rhein und drumherum

Ulrich Deuter

Das wird die längste Bühne der Welt. Von Bonn-Bad Godesberg bis Duisburg-Nord sind es 120 Kilometer, über die Stationen Köln und Düsseldorf. Auf diese Rheinschiene wird im Juni das "Theater der Welt" gesetzt, jenes Theaterfestival des Internationalen Theaterinstituts, das alle drei Jahre aus dem größten denkbaren Radius, nämlich rund um die Welt einsammelt, was das Theater hergibt. "West Western Germany" nennt Matthias Lilienthal den Landstrich am Rhein und hat diese Bezeichnung in Wild-West-ähnlicher Typografie als Namen über das diesjährige Festival gesetzt - sein Festival: Lilienthal ist Programmdirektor von "Theater der Welt" 2002.

Der langjährige Chefdramaturg der Berliner Volksbühne und Mitarbeiter von Christoph Schlingensief ist es gewöhnt, Unmögliches zu bewerkstelligen. Doch seine neue Aufgabe ist womöglich wirklich nicht zu bewältigen. Wie sollte es gelingen, an zehn Tagen - vom 21. bis 30. Juni 2002 - in vier Städten zugleich, in einem zentrumslosen Ballungsraum von fast vier Millionen Menschen ein Festival auszurichten, das diesen Namen verdient?

Diese Frage ist auch im Hinblick auf das Jahr 2003 interessant, wenn die erste Ruhr-Triennale unter der Leitung von Gerard Mortier sich anschickt, der Hauptstadt Berlin ein geballtes Kulturprogramm entgegenzusetzen. Lilienthal wiederum ist als Nachfolger von Nele Hertling am Berliner Hebbel-Theater im Gespräch. Hertling und ihre Co-Direktorin Maria Magdalena Schwaegermann zeichneten ihrerseits für das vorige Theater der Welt verantwortlich, das 1999 über die Berliner Bühnen ging.

Nun sitzt der 43-jährige Lilienthal mit seinem Team in einem Büro in der Internationalen Filmschule Köln. An den Rhein kam er vor eineinhalb Jahren, nachdem er sich im Januar 1999 von der Volksbühne verabschiedet hatte. Doch sein persönliches Go West sollte man nicht allzu wörtlich nehmen: Seit Lilienthal zum Programmdirektor von "Theater der Welt" berufen wurde, ist er weniger den Rhein auf und ab als in der Welt herumgereist und hat nach eigenen Angaben 700 bis 800 Theaterproduktionen gesichtet. Da bleibt nicht viel Zeit, eine Region kennenzulernen, die zwar den Rhein als gemeinsame Achse besitzt, doch aus vier ganz unterschiedlichen Städten besteht.

Das argentinische und niederländisch-sprachige Theater bilden den Schwerpunkt der Auswahl mit etwa 30 Produktionen aus 17 Ländern. Lilienthal hat sein Festival-Programm unter eine hohe intellektuelle Ambition gestellt: "Ein Begriff des Sozialen und Politischen ist dabei, sich neu zu kreieren", "Theater der Welt" müsse die Auseinandersetzung mit der "Veränderung des Identitätsbegriffs, über einen neuen praktischen Politikbegriff" suchen. Das liest sich wie Seminar-Theater, wobei Nordrhein-Westfalens braver Theaterlandschaft ein wenig Volksbühne ganz gut täte. Aber der politische Anspruch will keinen neuen Trend setzen: Im Grunde hat der allein verantwortliche Programmplaner alles eingeladen, was nicht wie deutsches Stadttheater aussieht. Lilienthals Glück ist ein Theater, das neben den Sinnen auch den Kopf anstrengt; sein Problem aber, dass das Theater außerhalb Deutschlands von kleinen Gruppen für kleine Räume konzipiert ist und nicht etwa für das Düsseldorfer Schauspielhaus mit über 1000 Plätzen. In die "Kästen" der Stadttheater in Bonn, Köln, Düsseldorf und Duisburg muss Lilienthal seine Gäste dennoch schicken, weil ihm für die Ausrüstung alternativer Spielstätten das Geld fehlt. Rund 2,5 Millionen Euro stehen ihm zur Verfügung, zu je einem Drittel finanziert von NRW, der Kulturstiftung der Länder und den teilnehmenden Städten.

Dass er wenig Sponsorengelder einheimsen konnte, führt Lilienthal darauf zurück, eben "nicht Gerard Mortier" zu sein. Wie wahr: Der Dramaturg bevorzugt Habitus und Outfit eines Originals. So wird sein Festival das Theater der Welt hier und da und dort zeigen. Nichts, was in der einen Stadt spielt, ist in einer anderen zu sehen. Auch ein gemeinsames Festivalzentrum oder ein übergreifendes Event wird es nicht geben. "Es findet etwas statt, und das besuchen Leute, und darüber stellt sich vielleicht Gemeinsamkeit her", macht Lilienthal sich Mut. Dass sich die Veranstaltungen in der Weite des Stadtraums verlieren, wurde schon während des letzten "Theaters der Welt" in Berlin beklagt.

Wiederholt man hier also einen Fehler? Lilienthal kann als Erklärung nur auf die Entstehungsgeschichte des diesjährigen Festivals hinweisen: Das letzte nämlich ging beinah an Berlin vorbei, weil die werdende Hauptstadt kein Geld besaß. Da hatte sich die scheidende Hauptstadt Bonn als Festspielort angeboten, worauf Berlin sich an der Ehre gepackt sah. Bonn besaß danach ein Anrecht auf das nächste Mal. Weil aber die Landesregierung nur Kooperationen honoriert und die Rheinstädte vor zwei Jahren gegen das Ruhrgebiet eine "Rheinland AG" gründeten, wurde Bonn nicht alleiniger Festival-Schauplatz.

So kompliziert und eifersüchtig sind die Verhältnisse in Western West Germany, und darum oft kontraproduktiv. Für das Nebeneinander von vier Festivals in vier Städten wird jedenfalls die Mobilität des Publikums auf die Probe gestellt; so mancher Zuschauer wird aus 120 Kilometern Entfernung anreisen dürfen. "Das Rheinland ist eine Großstadt, ein urbaner Raum. Deshalb werden sich die Menschen mit großem Selbstverständnis von einem Ort zum anderen bewegen," hofft Lilienthal. Möglicherweise hilft auch hier ein intellektueller Überbau, gepaart mit Berlin- und Volksbühnen-Erfahrung. "Jugendliche", schwärmt Lilienthal, "kommen ja auch zu nächtlichen Raves 100 Kilometer gefahren."

Es ist abzusehen, dass "Theater der Welt" in Köln und Düsseldorf ein Erfolg werden kann. In Köln wegen seiner relativ großen Szene, in Düsseldorf, weil sich das Festival dort mit dem örtlichen Forum Freies Theater verbündet und stadtbezogen agieren kann. An Duisburg könnte "Theater der Welt" so vorbeigehen, wie es 1991 in Essen geschah. Die Bonner haben wenige Tage vor dem "Theater der Welt" ihre "Biennale", zehn Tage prall gefüllt mit internationalen Aufführungen. Natürlich kennt Matthias Lilienthal all diese Probleme. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass ihm der Hosenboden nicht aus Angst, sondern aus Stilgründen auf Kniehöhe hängt. Letztlich wirkt Lilienthal wie ein Skateboarder in der Halfpipe: gerade so wie seine Zuschauer, die demnächst hin und her und her und hin fahren sollen.

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