Kultur : Rinkes "Grauer Engel": 2500 Liebhaber in einem Bett

Hartmut Krug

"Wieder ein neuer Tag": eine Frau, ganz in Weiß, perfekt geschminkt und gestylt, sitzt im Bett, in einem strahlend weißen Katafalk, umgeben von einer hoch aufragenden Koffergruft. Konstantin, der die Requisiten aus den Koffern reichende stumme Diener, ist Teil des Publikums, vor dem sich der alternde Star inszeniert und erschafft. Moritz Rinke nennt seinen dramatischen Erstling "Der graue Engel"- gemeint ist Marlene Dietrich natürlich - einen "Monolog zu zweit". Die Uraufführung fand bereits 1996 in Zürich statt, Inszenierungen in Amsterdam und Bordeaux folgten, doch die deutschen Theater machten trotz der Bombenrolle für eine ältere Darstellerin einen Bogen um das Stück. Die Schwierigkeit des Textes ist auch seine Klugheit: die Gleichförmigkeit als Thema eines intellektuellen Gedankenstückes lässt sich auf der Bühne nur schwer interessant machen, will man nicht marthalern oder, was gegen die Rolle wäre, schauspielerisch auftrumpfen. Hinter der Starre einer von außen gemachten, nicht psychologisch entwickelten Figur muss eine selbstverständliche Aura durchscheinen.

In Magdeburg hat sich die Darstellerin Gisela Hess für eine Mittellage zwischen Künstlichkeit und Emotion entschieden. Das wirkt handwerklich ordentlich, aber wie die gesamte Inszenierung von Dieter Peust bläßlich uninspiriert. Für die Komik des Stückes, wie in der Szene mit den 2500 Liebhabern und Strumpfbändern oder bei der Forderung nach der "Beifallsplatte", besitzt die Magdeburger Inszenierung kein Gefühl. Rinke hält sich eng an die biographischen Überlieferungen und zeigt, wie die Zerstörung des natürlichen Körpers ("Man muss die Künstlichkeit wie einen Schutzschild vor das Leben halten") auch die individuelle Sprache kaputt gehen lässt. Ob "Der graue Engel" mehr Bühnenkraft besitzt, als ihm die bisherigen Inszenierungen entlocken konnten, kann nur eine Inszenierung auf großer Bühne zeigen. Das Stück braucht Raum, weil es auf so engem Raum spielt.

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