Rio de Janeiro : Fehlfarben am Zuckerhut: Der Maler Jan Siebert

Der deutsche Maler Jan Siebert lebt seit drei Jahren in einer Favela in Rio de Janeiro. Sein Motiv sind Schmuddelecken bei Nacht. Ein Streifzug mit dem Künstler, dem beim Malen schon mal Kugeln um die Ohren fliegen.

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Nachbarschaftshilfe. Der Jan Siebert kam in Hamburg zur Welt. Seit drei Jahren lebt er in der Favela Vidigal. Foto: Philipp Lichterbeck
Nachbarschaftshilfe. Der Jan Siebert kam in Hamburg zur Welt. Seit drei Jahren lebt er in der Favela Vidigal. Foto: Philipp...

Im ersten Moment dachte Jan Siebert, jemand hätte einen Kanonenschlag gezündet. Dann begriff er, dass eine Kugel neben ihm eingeschlagen war. Im Laternenlicht erkannte er einen Trupp Polizisten um die Ecke lugen. Er sagt: „Sie hielten meinen Pinsel in der Dunkelheit für eine Waffe und schossen. Berufsrisiko.“

Jan Siebert ist Maler. Er lebt seit acht Jahren in Brasilien, die letzten drei in Vidigal, einer Favela in Rio de Janeiro, deren Häuser südlich des Luxusviertels Leblon einen Berghang hinaufwachsen. Wegen der zentralen Lage und der Aussicht aufs Meer wohnen heute viele Ausländer in Vidigal, es gibt Hostels, die Immobilienpreise sind teils ins Absurde gestiegen, es herrscht ein regelrechter Kampf um die besten Lagen.

Für Siebert ist das Panorama unwichtig. Er interessiert sich für die Eingeweide der Favela: ihre düsteren Gassen, steilen Treppen, räudigen Ecken und stinkenden Winkel. Wenn er einen Ort für sich entdeckt hat, kommt er nachts, baut seine Staffelei auf und malt mithilfe einer Taschenlampe. Vier bis sechs Stunden dauere eine Session, sagt Siebert, für ein Bild brauche er rund zehn Nächte. Trotz der traurigen Motive wehrt sich der gebürtige Hamburger dagegen, als „Maler der Armut“ oder gar „des Elends“ bezeichnet zu werden.

An einem gleißenden Mittwochmorgen steht der 41-jährige Siebert mit seiner brasilianischen Freundin auf dem Balkon seiner Wohnung inmitten der Tausenden wie übereinander gestapelten Favelahäuschen. Er trägt ein T-Shirt, Shorts und Flipflops, und macht ein leicht gequältes Gesicht. Denn obwohl es noch früh ist, hat ein Nachbar schon die Lautsprecher seiner Stereoanlage aufgedreht: Es schmachtet Roberto Carlos, der brasilianische Julio Iglesias. Doch der Blick von hier oben ist sensationell, geht auf das Viertel Ipanema mit seinem berühmten Strand und weit hinaus auf den Atlantik, über den ein Frachter in die Bucht von Guanabara einfährt, vorbei am Zuckerhut.

„Ich weiß nicht genau, warum mich eher die unromantischen Orte anziehen“, sagt Siebert zu seiner Motivauswahl. Man komme an eine Stelle, die man nicht kenne, und erforsche sie. Es gehe um physische Fakten. Um Symmetrien und Formen. Um die Musik eines Ortes. Sieberts Bilder der Nacht sind nüchtern, genau, atmosphärisch und meist menschenlos. Auf einem ist eine verwinkelte Treppe zu sehen, die zwischen mehreren Häusern hinabführt. Die Steine schimmern bräunlich, die Fassaden der Häuser sind vergammelt. Das Gemälde zeigt den Ort, an dem die Polizisten auf Siebert feuerten. Er hat es „Schießerei“ genannt. Seine Gemälde sind immer mehr als reine Bestandsaufnahmen. Die Leere in ihnen fragt, was hier vorher geschehen ist und was vielleicht noch passieren wird. Eine Liebesszene, ein Verbrechen, gar nichts?

Siebert bezeichnet sich als realistischen Maler. Er hat einen unbrasilianisch emotionslosen, man möchte fast sagen: deutschen Blick auf die Dinge. Es ist ein schöner Widerspruch. Da wohnt einer in Rio de Janeiro, einem Ort, dem wie keinem zweiten Klischees anhaften – und was er sucht und zeigt, sind Anti-Postkarten.

Nun stellt Siebert diesen Herbst im Hamburger Levantehaus aus, denn seine Käufer findet er größtenteils in Deutschland, darunter einige treue Sammler. Allerdings steige auch das Interesse in Brasilien langsam, sagt er – ausgerechnet an eine Frau aus Leblon, Rios Luxusviertel, hat Siebert zuletzt ein Gemälde verkauft. Es mag damit zusammenhängen, dass auch wohlhabendere Brasilianer begonnen haben, die Favelas, die sie lange Zeit als No-go-Areas betrachteten, in einem neuen Licht zu sehen. Der Sinneswandel hat viel mit der Befriedungspolizei UPP zu tun, die seit 2008 in die Viertel entsandt wird, um die Macht der Drogengangs zu brechen. Mit umstrittenem Ergebnis. „Vidigal ist mit der UPP nicht unbedingt sicherer geworden“, sagt Siebert, die Polizisten, die auf ihn schossen, gehörten zur Befriedungseinheit. Der Maler hat den Fall erfolglos angezeigt. Es war nicht die erste brenzlige Situation, die er während seiner mehr als 15-jährigen Karriere in Lateinamerika erlebt hat.

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