Kultur : Rio Reiser: In der Republik der Radieschenkommunisten

Bodo Mrozek

Den Ort idyllisch zu nennen, wäre noch untertrieben: Die Nachmittagssonne beglänzt frisch gemähte Wiesen. Vögel zwitschern, Frösche quaken. Hier liegt Fresenhagen, eine Ansammlung weniger Häuser am äußersten friesischen Rand der Republik: links die Nordsee, rechts die Ostsee, darüber Dänemark. Vor einem prächtigen reetgedeckten Bauernhof knattert ein schwarz-rotes Anarcho-Banner im Wind. Ein paar junge Leute mit bunten Haaren haben es vor ihrem Zelt gehisst. Willkommen in der "Freien Republik Fresenhagen"! Dies war der Wohnsitz von Ralph Möbius, besser bekannt als Rio Reiser.

Rio Reiser - der Name ist schon fast ein Mythos. Man denkt an Kreuzberg, Barrikaden, Steine, Scherben - aber nicht an ein bäuerliches Idyll. Doch hier hatte der "König von Deutschland", wie der Sänger nach seinem größten Hit genannt wurde, seinen Hofstaat. Seit man vor wenigen Tagen eine Pilgerstätte für Fans eingerichtet hat, kommen hierher mit den Jahren ergraute Spontis mit Ballonmützen und verwaschenen T-Shirts, junge Nachfahren der Haschrebellen in Kapuzenpullis und ganz normale Reiser-Fans mittleren Alters, adrett und gebügelt.

Hier können sie Rios Zuhause besichtigen. Drei freundliche Räume bewohnte der Sänger; Studio und Musikzimmer inklusive. Auf dem schön gemaserten Bechstein-Flügel steht: "Hof-Lieferant Sr. Majestät des Königs". An der Tür zum Sterbezimmer ein Aufkleber: "Komme gleich wieder".

"Er starb im falschen Moment"

Rio Reiser kommt nicht wieder. Im Schatten eines Ahorns, hinter einem kniehohen Zäunchen, das an einen Schrebergarten erinnert, liegt die Legende begraben. Der Sänger, der den Agit-Rock und nach Meinung einiger auch den Mythos Kreuzberg erfunden hat, starb am 20. August 1996 im Alter von nur 46 Jahren. An Aids, hatte ein Boulevardblatt fälschlich behauptet, tatsächlich war es wohl die Leber. Damals war nicht nur Reisers Gesundheit ruiniert. Der Traum, den er seit den 60er Jahren mit vielen anderen geträumt hatte, war aus. Die Band "Ton, Steine, Scherben" hatte sich aufgelöst, politische Hardliner bezichtigten Reiser wegen seiner eher unpolitischen Soloalben des Verrats.

Geblieben waren die Schulden und das ungute Gefühl, immer mehr ein Zitat seiner selbst zu sein. Einmal hatte er Zeilen seiner Songs auf einem Neonazi-Flugblatt gefunden. Und dann noch ein Platten-Vertrag mit Sony, den er nicht mehr wollte. "Ich hasste Berlin", schrieb Reiser in seinen Memoiren. Vielleicht ist er darum von Kreuzberg nach Fresenhagen "abgehauen". Am 1. Juni 1975 zog er mit einer illustren Truppe von "Radieschenkommunisten" aufs Land.

Lutz Kerschowski war hier oft zu Besuch. Der Komponist ist 47 Jahre alt, trägt eine Schiebermütze auf dem schütter gewordenen Haar und hält eine Pulle Flens in der Hand. "Rio", sagt er, "starb genau im falschen Moment." Gerade war der verhasste Vertrag ausgelaufen und der Hof endlich restauriert. Die Bahnen der beiden Musiker hatten sich 1988 gekreuzt, als Reiser in Ost-Berlin spielen durfte. Kerschowski, der in der DDR eine Band hatte, begleitete Rio auf der Gitarre. Von da an waren sie Freunde.

In Fresenhagen konnte Rio sein, wie er wirklich war, meint Kerschowski. Hier lebte er bis zuletzt mit seinem Lebensgefährten. "Er war nun mal Künstler und nicht nur Kämpfer." Das hat vielen nicht geschmeckt. Jeder wollte sich seinen eigenen Rio basteln, doch zwischen den Schubladen mit den Etiketten "Keine Macht für niemand" und "König von Deutschland" sei viel mehr Rio gewesen. Zum Beispiel der Bibel-Kundige, der die abgelegensten Zitate kannte. Oder der Literatur-Kenner, der sein Pseudonym einem Roman von Karl Philipp Moritz entnommen hatte. Diesen Rio soll man künftig wiederentdecken können. Kerschowski arbeitet an der Einrichtung eines Ton-Archivs.

Nach langjährigen Querelen mit dem "Scherben"-Gitarristen und ehemaligen Mitbesitzer R. P. S. Lanrue steht das Haus nun allen offen. 16 Zimmer des Hofes sollen Künstler, Freunde und Fans beherbergen. Dies hat Tradition, denn die "Republik Fresenhagen" war schon früher eine Anlaufstelle für Rock-Deutschland. Auch die Möbius-Brüder und Rios 85-jährige Mutter, die sich für seinen größten Fan hält, kommen gerne. Um den Duft des Hauses einzuatmen, denn in Rios Zimmer riecht es noch immer nach Patschuli, Motten und altem Bauernhof.

Langsam kriecht die Nacht zwischen die Bäume. Im Musikzimmer tanzt nun das Kerzenlicht über Rios auf einer einsamen Stele ausgestellte Totenmaske. Da sieht das feine Profil in Bronze auf einmal aus wie die Masken eines großen Deutschen, dem man einen Wallfahrtsort zum Gedenken eingerichtet hat. Was Rio I. wohl dazu gesagt hätte, dass an seinem Hofe einmal eine Kultstätte für ihn entsteht? Er hätte sich vermutlich königlich amüsiert.

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