Kultur : Risiken und Nebenwirkungen

Vom Glück, sein Leben aufs Spiel zu setzen: Gabriele Goettle hört den „Experten“ zu

Gabriele Killert

Herr Rosner ist ein mittelgroßer, drahtiger Mann um die vierzig und ein buchstäblich aufrührerischer Mensch aus dem Wiener Untergrund. Was er da so aufrührt, wenn er mit dem „Schimmel“, einem breiten Holzbrett „ins Material“ steigt, sind Dinge, die eindeutig nicht ins Klo gehören: Kippen, Katzenstreu oder „Knackwürsteln“ und sonstige Essensabfälle. Herr Rosner ist Kanalarbeiter, und seine Selbstauskünfte beleuchten einen symbolisch so ergiebigen genius loci, dass er im neuen Reportageband von Gabriele Goettle mit (für die „taz“ geschriebenen) Portraits prominenter und weniger bekannter „Experten“ einfach nicht fehlen darf.

Natürlich würden uns beim Stichwort „Experten“ erst einmal andere Leute einfallen, die üblichen Verdächtigen. Genforscher, Orientspezialisten, Wirtschaftsfachleute zum Beispiel. Menschen, die von einem Sorgenthema der Gesellschaft mehr verstehen als andere und die doch nicht verhindern können, dass wir täglich ratloser werden. Natürlich gibt es auch solche Experten unter den 32 Befragten. Aber wer die Autorin von ihren früheren Reportagebänden – „Deutsche Sitten“ oder „Deutsche Bräuche“ etwa – kennt, weiß, dass sie ein Faible und gleichsam Horvath’sches Gespür für die Abgründe des Alltäglichen hat, für die schummrigen, symbolträchtigen Winkel der Gesellschaft mit dämonischem Flair – sei es ein Erotik-Shop in Meuselwitz, ein nächtliches Zimmer auf einer Demenz-Station oder eben der „Darmausgang von Wien“.

Goettles Frage an Herrn Rosner, was sich denn „so alles an Seltsamkeiten“ untertage finden lasse, ist die zentrale Frage, sozusagen die typische Suchbewegung ihres rüttelnden Interesses. Nur dem Gleichgültigen erscheint alles selbstverständlich. Aus der Nähe betrachtet wird vieles „seltsam“ und immer seltsamer, verfremdet sich das „Normale“ zusehends ins Absonderliche und umgekehrt.

Hebamme, Parasitologe, Hirnforscher, Rohrpostmeister, Hure, Bombenentschärfer. Was für exotische Daseinsweisen. Wie und aus welchen Gründen wird man das? Ist es Destination oder Zufall, rutscht man da eher so rein oder wollte man immer schon Tierpräparator oder Schlachthofveterinär werden? Kann der lebenslange Umgang mit geöffneten Leichen Berufung und Erfüllung sein?

Und ob. Nehmen wir Herrn Benecke. Dieser Mann kann mit Hilfe dreier Schmeißfliegenmaden am Körper einer im Wald aufgefundenen „erschlagenen Pastorengattin“ und einer Ameise vom Gummistiefel des Pastors selbigen des Mordes an seiner Frau überführen. Hat er gemacht, vielfach. Kriminalbiologe nennt sich der in Fernsehkrimis derzeit überaus beliebte Job, wahrscheinlich, weil man sich so schön dabei gruseln kann. Mark Benecke hat sich vor seiner Arbeit noch nie gegraust. Mit seinen 30 Jahren ist er bereits einer von weltweit knapp zwei Dutzend Experten auf dem Gebiet. Konzentrierter und zielstrebiger geht’s kaum aufwärts. Da muss Leidenschaft im Spiel sein. Und die kitzelt die Reporterin aus ihm heraus, dass es eine Wonne ist.

In den zerfläzten Ledersesseln seiner schlichten Kölner Mietwohnung rühmt der Fachmann bei Kaffee und Kuchen die Tüchtigkeit der diversen goldgrün und bläulich schimmernden Schmeißfliegenarten, die subtilen Sinnesleistungen und „feinen Mundwerkzeuge“ ihrer Madenbrut. Er lässt Fotos rumgehen mit bläulich grün gold verfärbten Leichnamen, schildert funkelnden Auges die Geschmacksvorlieben der sukzessive sich daran verköstigenden Spezies und wie man nach dieser so genannten „Madenuhr“ die Liegedauer einer Leiche errechnen kann. Und während Herr Benecke des Weiteren erklärt, was Grünfäulnis ist, nämlich „das Paradies, aus der Madenperspektive“, und dass wir es hier mit Schönheit zu tun haben, ja Schönheit „im höheren Sinne, weil das halt unabwendbar der Kreislauf des Lebens ist“, wird immer deutlicher: Eine erfüllendere Tätigkeit und Liebe zum Leben kann man sich nicht vorstellen. Kein Zweifel, wir müssen uns Herrn Benecke als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Das gilt für nicht wenige der hier portraitierten Experten, zumal wenn ihr Wirken unbestritten nützlich und segensreich ist. Wer die Kunst beherrscht, Menschen, die etwas schief ins Leben gebaut sind, einen gut ausbalancierten Frack auf den Leib zu schneidern oder einen „mobilen Klumpfuß“ ergonomisch zu bändigen und überdies von schlechter Zahlungsmoral verschont zu bleiben, weil die Kassen die Kostenträger der „Bedarfsträger“ sind, der kann einmal auf ein erfülltes Leben zurückblicken.

Dann gibt es natürlich die wirklich aufregenden Berufe, wo das Leben täglich am seidenen Faden hängt. Davon kann Herr Weise ein Lied singen, der für die Entsorgung der perfiden Hinterlassenschaft des 2. Weltkriegs im Raum Berlin-Brandenburg zuständig ist. Überall liegen die entzündbaren Ungetüme noch in der Erde. Wenn man eine Fünf-Zentner-Langzeitzünderbombe unschädlich gemacht hat, weiß man auch, was man geleistet hat. Bombenentschärfer, schöner Beruf.

Nur einer ist schöner und aufregender als alle anderen. Hochseilartistik! Da schliddert man erst recht nicht so rein. Das nötige Zehenspitzengefühl erlernt man step by step in 500 Jahren. So lange gibt es die in Ost- und Westdeutschland verteilte Artistenfamilie Traber schon. Die Geschichte der Peggy Traber ist, nicht nur wegen der enormen Fallhöhe, sicher einer der – auch erzählerischen – Höhepunkte in Goettles „Experten“- Sammlung. Mit derselben Leichtigkeit und Eleganz, mit der man sie über der Traufhöhe des gewöhnlichen Daseins zwischen Kirchturmspitze und Kirchturmspitze balancieren sieht, schildert sie die Tücken und Glücksmomente dieses atemberaubenden Gewerbes, so dass die Reporterin nach einer wie üblich kurz orientierenden Einleitung schon bald selig verstummt.

„Perfekt fallen“ muss man erst einmal lernen, dann zu zweit auf dem Seil erreichen, dass man „hundertprozentig ein Fleisch und ein Blut ist, einen Herzschlag, einen Rhythmus hat“. Und dann der artistische Höhepunkt: Auf einem schwankenden Gittermast in 53 Meter Höhe zu „O My Love“ im Handstand nach unten gucken und sehen, „wie gerade ein Hund einem Kind, das zu mir raufschaut, die Wurst wegnimmt...“ Toll zu wissen, dass es Momente gibt, in denen die sorgengefesselte Republik auch mal zu Höherem aufschaut. Unvergessliches Kapitel, eine vollkommene Parabel über die Kunst, die Liebe und das Glück dessen, der bereit ist, täglich eine Kleinigkeit zu riskieren: sein Leben.

Leider sind die Künstler und Bombenentschärfer dieser Welt in der Minderheit. Weit mehr Experten arbeiten zügig an der Abschaffung des Menschen und all seiner Künste mittels neuer, verheerender Waffensysteme, horribile dictu: „weapons of most destruction“. Wenn es so weitergeht mit dem Wettrüsten, werden wir die Lage schon wegen der Komplexität und Fehleranfälligkeit der technischen Systeme nicht mehr beherrschen können, prophezeit der hoch dekorierte Computerwissenschaftler Josef Weizenbaum in seinem kleinen Ostberliner Apartment im 8. Stock. „Eigentlich waren fast alle Erfindungen des vorigen Jahrhunderts Werkzeuge des Todes, auch der Computer“ , meint Professor Weizenbaum, der den Nazis als Kind noch eben rechtzeitig entkam. Und sein Blick folgt den à la Hitchcock bedrohlich ihre Kreise ziehenden Rabenkrähen. „Unsre Welt ist wahnsinnig... Was wir brauchen, ist Zivilcourage, Herzensfuror des Einzelnen gegen den fortdauernden und tödlichen Wahnsinn der instrumentellen Vernunft.“

Wie pflegte Nick Knatterton zu sagen: „Ich kombiniere.“ Experten sind keine homogene Spezies, das ahnten wir schon. Es gibt nützliche und bedrohliche, und während wir Letzteren wohl auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, rühmen und preisen wir die nützlichen, Glück und langes Leben Verheißenden. An ihrem meist unauffälligen Äußeren, ihrer oft biederen Wohnkultur kann man weder die einen noch die anderen erkennen. Eher schon an ihrer ungewöhnlich starken Motiviertheit und Leidenschaft. Hier liegt ein Rätsel, das auch dieses Buch nicht lösen kann. Da die Reporterin, wie stets im Gespann mit der Fotografin Elisabeth Kmölniger, alle Gesprächspartner, auch die Unwilligsten offenbar mühelos zum – oft druckreifen – Sprechen bringt, entsteht der Eindruck von redend verfassten Selbstporträts der Experten.

Doch das täuscht. Gabriele Goettle hält die Fäden wie immer fest in der Hand. Sie weiß genau, was sie will, nämlich animierende Geschichten erzählen über unsere an Paradoxien und Tollheiten reiche, unbegrenzt fantastische Wirklichkeit. Es ist ihr wieder glänzend gelungen.


Dieses Buch bestellen Gabriele Goettle: Experten. Mit Fotos von Elisabeth Kmölniger. Eichborn Verlag (Andere Bibliothek), Frankfurt a. M. 2004. 435 Seiten, 25,50 €.

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