Kultur : Ritsch, ratsch, draußen Hans-Ludwig Kröbers „Mord“-Geschichten

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Ein Mann heiratet, wird Vater, aber das Eheleben entwickelt sich ins Öde hinein. Die Frau kränkelt und hat keine Freude am Sex. Er beschließt ihren Tod und tarnt den Mord als Sexualverbrechen. Ein Kasache reist auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand nach Deutschland. Schon im Bus leidet er an der Trennung von zu Hause. 4000 Kilometer Busfahrt werden für ihn zu Tortur. An der deutschen Grenze tötet er zwei Zollbeamte, wie man so sagt: aus dem Nichts heraus. Eine Frau, Mutter von drei Kindern, und ihr Mann reisen von England nach Deutschland – ohne die Kinder, für einen Neuanfang: freie Tage und Nächte in Heidelberg. Sie verliert den Glauben an ihre Ehe, er nicht. Sie fragt sich: „Wann kapierte er endlich mit seiner Eselsgeduld, dass es aus war, vorbei, over, tilt?" Sie geht auf ihn los, würgt ihn. Am Ende liegt eine Tote im Bett.

Neun Geschichten von gewaltsamen Toden oder deren Planung erzählt der Psychiater Hans-Ludwig Kröber in seinem literarischen Debüt „Mord“. Kröber ist einer der bekanntesten und renommiertesten Gerichtsgutachter in Deutschland. Es sind Geschichten aus der Wirklichkeit, so der Untertitel des Buches, sie entstammen Kröbers Alltag; dieser besteht aus langen Gesprächsstunden mit Leuten, die zu Mördern geworden sind.

Kröbers Aufgabe in den Gefängniszellen und Gerichtssälen ist es, die geistige Gesundheit und damit die Schuldfähigkeit von Menschen festzustellen – oder eben eine massive Störung in Kopf und Seele, die einen des Mordes Beschuldigten schuldunfähig macht. Seinem Buch aber merkt man an, dass diese Frage für ihn nur Anlass ist, sich auf Menschen einzulassen, die über eine Grenze gegangen sind. Wie das passiert, wann es passiert, warum – das erzählt Kröber auf je zwanzig, dreißig Seiten, jede Geschichte ein Unikat, keinem Schema folgend, eigenartig wie ein Mörder-Leben.

Der Blick in den Abgrund eines Gewaltverbrechens hat eine Menge spannender Literatur hervorgebracht. Ferdinand von Schirach hat mit seinen Büchern „Schuld“ und „Verbrechen“ für Aufsehen gesorgt und Bestseller gelandet; die abgründigen, unter dem Titel „Trieb“ zusammengefassten Verbrechergeschichten von Jochen Rausch kreisen brutal schnell um die Macht des Begehrens. Kröber geht es um etwas anderes. Er sucht nach dem Moment, der ein Leben misslingen lässt, nach der Entscheidung, die den Mörder von seiner Umwelt trennt.

Die Frage nach der Schuld ist nur der Anfang der Beschäftigung mit dem Bösen. Der Vorlauf eines Verbrechens mag Hinweise darauf geben, was scheinbar zwangsläufig folgen musste. Krankheiten, Milieuprägungen, Kindheitstraumata. Kröber fügt all das zu Lebensläufen, die man nicht so schnell vergisst – und bei manchen denkt man: Ein Glück, dass dieses Leben fernab von deinem verlaufen und gescheitert ist. Zwei Sätze von Dostojewski hat Kröber vorangestellt: „Dann drehte er sich um und ging nach Hause. Er hatte das Gefühl, als hätte er sich eigenhändig, wie mit einer Schere, von allen und allem abgeschnitten."

Denn diesem humorbegabten, menschenfreundlichen Psychiater geht es hier vor allem um den Schnitt. Um den Gang über die Grenze. Den Bruch des Tabus. Über einen Schwerverbrecher, dessen Fähigkeit zum Überleben und Bei-sich-Bleiben im Knast Kröber Respekt abgenötigt hat, heißt es: „Schon seit der ersten Tat war er ausgestoßen, allein mit dem Geheimnis seines Verbrechens, nur noch zu Gast in unserer Welt.“ In der Vorgeschichte der Entführung einer jungen Frau schreibt Kröber über den Entführer, einen älteren Einzelgänger, Erbauer eines perfekt verborgenen Sado-Maso-Kellers, er habe jahrelang eine Freundin gehabt, „aber richtig nahe kamen sie sich nicht. Sie akzeptierten, dass sie beide es schwer hatten mit dem Glücklichsein, aber irgendwann hielten sie einander nicht mehr aus, die Freudlosigkeit, die Entfernung.“ Zwei Sätze über ein ganzes Leben. Werner van Bebber

Hans-Ludwig

Kröber
:

Mord. Geschichten aus der Wirklichkeit. Rowohlt Verlag,

Hamburg 2012.

254 Seiten, 18,95 €.

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