Kultur : Ritter der Raubkunst

Kirchner und kein Ende: eine Potsdamer Tagung über die Tücken der Restitution

Bernhard Schulz

Großzügig aufgepixelt bildete Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“ von 1913 die Bühnendekoration. Dabei ging es bei der internationalen Tagung des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums über Raubkunst und Restitution nicht vorrangig um den herben Verlust, den das Berliner Brücke-Museum letzten Sommer erlitten hat: Die Veranstalter wollten ihr Thema so wenig wie möglich eingrenzen. Und doch grundierte der Kirchner-Fall die Redebeiträge wie ein basso continuo: Schließlich lässt sich an dem Gemälde die Problematik der Restitution besonders eindrucksvoll erläutern.

Als Eröffnungsredner hatte man für Sonntag den „Zeit“-Herausgeber und ersten Kulturstaatsminister Michael Naumann verpflichtet, der die Hartleibigkeit der deutschen Öffentlichkeit mit Zitaten belegte. Der begnadete Rhetoriker brachte das Besitzdenken der Deutschen mit dem Wortspiel „Scham – eher Schamlosigkeit; Schuld – eher Schuldlosigkeit“ auf den moralisierenden Begriff. Dass der Teufel im Detail steckt, machte anderntags Esther Tisa Francini deutlich; die Historikerin hat sich enorme Verdienste um die Erforschung der von den Nazis gern in Anspruch genommenen Kunstdrehscheibe Schweiz erworben. Francini präsentierte eine nüchterne Fallsammlung höchst komplizierter Vorgänge, die das wie ein Zauberwort gehandelte Motto „Im (auch nur geringsten) Zweifelsfalle zurückgeben“ erheblich in Frage stellten. Wie etwa soll man mit einer Sammlung umgehen, die bereits 1931 in die Schweiz verbracht wurde, dann aber zum Lebensunterhalt des Besitzers stückweise veräußert wurde? Wie mit dem Kunstmarktboom von 1942/43 (übrigens auch in Frankreich und den Niederlanden), als raffgierige Nazi-Größen kauften, was nur irgendwie zur Auktion gelangte? Wie mit dem Grad an Bedrohung, dem sich Verfolgte des NS-Regimes auch im Ausland ausgesetzt sahen – wo aber auch die örtlichen Steuerbehörden lauerten?

Von der Raubkunst zur Fluchtkunst: Francini wirbt für einen Paradigmenwechsel. In diesem neuen Sinne betrifft die Restitutionsfrage alle in Sorge vor den Nazis mitgeführten Objekte und nicht mehr „nur“ die in der Washingtoner Erklärung von 1998 angesprochene „geraubte Kunst“.

Zur Komplexität des Themas tragen nicht zuletzt die bewusst allgemein gehaltenen Washingtoner Formulierungen auf der einen und die deutschen Behördengründlichkeit auf der anderen Seite bei. Wenn es politisch nicht opportun ist, Rückgabeforderungen abzulehnen – wie bei der stattgegebenen schmerzhaften Restitution von Adolf Menzels Dresdner „Tuileriengarten“, der jetzt die Londoner Nationalgalerie ziert –, warum dann nicht auf einfachen Eigentumsnachweis hin zurückgeben, was immer nach 1933 den Besitzer wechselte? Sollte man sich die teuren Provenienzforschungs- und Anwaltskosten womöglich sogar sparen, um halbwegs geräuschlos zu jener „fairen und gerechten Lösung“ zu kommen, wie sie die Washingtoner Erklärung fordert?

So weit ging bei der Tagung mit rund 260 Teilnehmern vielleicht nur Georg Heuberger, Vertreter der Jewish Claims Conference in Deutschland und langjähriger Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt. Er schlug vor, die gesamte NS-Zeit vom 30. Januar 1933 bis zum 8. Mai 1945 als Einheit zu nehmen, ohne juristische Abstufungen nach dem Grad der fortschreitenden Entrechtung.

Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der das Menzel-Debakel erleben musste, sparte in Potsdam wiederum nicht mit Kritik an der aktuellen Rückgabe-Politik. Bisher liege „die Provenienz-Begründungspflicht allein bei den Museumsleuten“, die Entscheidungen über Rückgaben würden dann „mehr oder minder einsam von Politikern getroffen“. Sein kämpferischer Vortrag ging bis an die Grenzen der political correctness: „Wettiner, die nach dem Prinzip der Schrotflinte die Rückforderungen in großen Mengen in die Luft schießen, in der Hoffnung, dass ihnen etwas in den Schoss fallen möge. Kunsthändler, die sich nach allen Regeln der Kunst für unsere Archive interessieren, um möglichst früh die zukünftige Ware zu promoten. Preistreibende Über-Bande-Aktionen von Kunsthändlern und Sammlern.“

Roth kritisierte auch die Umformulierung der Washingtoner Erklärung: Dort war ursprünglich von „beschlagnahmten“ Kunstwerken die Rede; Bund, Länder und Kommunen ersetzten ihn 1999 durch den juristendeutschen Begriff des „NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes“. Hinter diesen amtlichen Terminus kann nun niemand mehr zurück.

Um die Kehrseite der Medaille, die minutiöse Herkunftsforschung, müssen sich die Museen mangels Geldern für entsprechende Fachkräfte allerdings meist herummogeln. Weshalb sie gegenüber den Fachbrigaden von Anwaltsfirmen und Auktionshäusern meist deutlich benachteiligt sind. Martin Roth schloss denn auch emphatisch: „Die Zukunft kostet Geld, Geld, Geld – sei es für die Provenienzforschung oder sei es als Entschädigung. Aber woher kommt das Geld?“

Kulturstaatsminister Bernd Neumann hatte erst kürzlich Gelder für die Provenienzforschung in Aussicht gestellt. Sie könnten an die Museen fließen – oder wie während der Tagung verschiedentlich geäußert – an ein noch zu schaffendes Kompetenzzentrum. Den „Feuerwehrfonds“ indessen, der bedrohte Kunstwerke aufkaufen könnte, wird es nicht geben: Kaufsummen wie 38 Millionen Euro für das Kirchner-Bild sind im boomenden Kunstmarkt bezahlbar, nicht aber von der öffentlichen Hand. Es bleibt nur die gütliche Einigung mit den Altbesitzern oder Erben – bevor ein Anwaltsbüro mit gehöriger Erfolgsbeteiligung die Rechte vertritt.

Am Dienstag kamen im Potsdamer Alten Rathaus dann vor allem die Juristen zu Wort; in der abschließenden Resolution empfehlen die Teilnehmer eine Nachfolge-Veranstaltung zur Washingtoner Konferenz, fordern zu deutlich verstärkter Provenienzforschung auf und wünschen sich transparente Verfahren. Im Fall Kirchner hat es daran gefehlt. Ob es solch gewaltiger Fehler bedarf, um daraus zu lernen? Die „Brücke“-Freunde jedenfalls müssen nunmehr nach New York reisen, wenn sie ihr Lieblingsbild in Augenschein nehmen wollen.

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