Kultur : Ritter des blutenden Herzens

Die Dame war empört und goß ihren Zorn in die Form des Spotts."Das liberale Herz ist ein gar seltsames Ding", sagte die berühmte Fernseh-Kommentatorin, die einmal wöchentlich in der CNN-Show "The Capitol Gang" (etwa: "Die Bande vom Parlamentsbereich Reichstagsgebäude") auftaucht.Was war geschehen? Ganz einfach.Der Bürgermeister von San Francisco hatte einen Vorschlag unterbreitet, dessen mögliche Übertragbarkeit auf Berlin bisher unerkannt blieb.Willie Brown, so heißt das Stadtoberhaupt der angenehmen Metropole in Mittelkalifornien, hat angeregt, man solle die Bettler und "peddler" der Stadt doch technologisch aufrüsten."Peddler" sind jene Jungs, die sich in amerikanischen Parkraummangelzonen in Lücken stellen, diese Vorbeifahrenden anbieten und dafür mindestens vier Dollar kassieren.Man kann das auch Wegelagerei nennen.

Brown jedenfalls schlägt vor, Penner, Bettler und "peddler" mit jenen Geräten auszustatten, die Kreditkarten einlesen können oder, der Funktion nach, einem Bankautomaten gleichen.Das ist ungefähr so, als wenn Herr Momper mit dem Angebot in den Wahlkampf zöge, jedem "Hassemanemaak?" am Mehringdamm Annahmeapparate für Amex, Visa und Master zu stiften oder Einbrechern zwecks Schadensbegrenzung gleich einen Universalschlüssel zu allen Opferwohnungen auszuhändigen.

Amerika hat einen Begriff für Politiker geprägt, die dergestalt argumentieren."Bleeding heart"-Liberale sind das, Ritter des blutenden Herzens.Eine Spezies, die es auch in Deutschland gibt: Brandenburgs SPD-Regierung hat im Bundesrat einen Antrag eingebracht, asylsuchenden Polygamisten den Nachzug aller in Vielehe angetrauten Frauen zu gestatten.Die vergleichende Geistesgeschichte lehrt, daß beide, Potsdam und San Francisco, für den Fürsorgestaat kämpfen.Der heißt nur unterschiedlich.Deutsche verstehen meist nicht, weshalb "liberal" in den USA als Schimpfwort verstanden wird, also eben jene Gefälligkeitsdemokratie geißelt, gegen die deutsch-liberale FDPler so gerne hetzen.

Wie das große Amerika, das doch so individualistisch, kommerziell, föderal, subsidiär und pragmatisch ist, also ausgestattet mit allen Kerntugenden des europäischen Liberalismus, gleichzeitig einen solchen Haß gegen das Etikett "liberal" entwickeln konnte, gehört zu den großen Kulturrätseln im transatlantischen Verhältnis.Nun nicht mehr.Willie Brown lehrt die Welt, weshalb das liberale Amerika "liberals" haßt.

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