Kultur : Ritter mit traurigem Gehalt, verloren in der Jahrhunderthalle

Ulrich Deuter

Dass der "Don Quixote" auch nach vierhundert Jahren noch so berührt, liegt vielleicht daran, dass er uns unsere eigene Misere und Tragikomik vor Augen führt. Den Romantikern bedeutete das 1605 und 1615 in zwei Teilen erschienene Buch das Universalkunstwerk schlechthin. Dass eine Bretterbude zur Burg wird, eine Barbierschüssel zum Helm, Windmühlen zu Riesen, kurz, dass die Dinge sich nur durch Phantasie in etwas Wunderbares verwandeln, das ist natürlich das Prinzip Theater. Aber taugt das zwar abenteuerreiche, aber auch barock-redselige Tausendseitenwerk für die Bühne?

Der Regisseur Dimiter Gotscheff verweigert all diese möglichen Illusionen. In der "Jahrhunderthalle", einem gewaltigen Industriebau von 1902, in den das Bochumer Schauspiel für seinen "Don Quixote" gezogen ist, präsentiert er nur Fetzen des Kolossalgemäldes. Gibt zu verstehen, dass Don Quixotes phantastische Gegenwelt für uns heute so verloren ist wie für ihn damals die goldene Ritterzeit. Zwischen den Stahlstützen der mehrschiffigen Halle gehen die Akteure, weit auseinander und weit weg vom Publikum, in sich versunken ihren eingefrorenen Tätigkeiten nach: gebeugte, melancholische Gestalten, die sich im Pferdetrott versuchen oder lächerlich pathetische Posen probieren. Während dessen beginnt die Erzählung zu sprechen, vielstimmig und in vielen Sprachen: spanisch, deutsch, französisch, hebräisch und in slawischen Idiomen. Denn dieser "Don Quixote" ist, wie es Karin Beier mit ihrem "Sommernachtstraum" im Düsseldorfer Schauspielhaus vorgemacht hat, ein europäisches Projekt.

Den Boden des sich allseits im Dunkeln verlierenden Spielraums decken große Inseln verstreuten Papiers, ein flächendeckender Hinweis darauf, dass nicht nur die Träume Don Quixotes aus Büchern stammen, sondern seine Abenteuer selbst von Anfang an zum Buch geraten, er sich selbst nachlesen kann, wie Cervantes, der die Autorschaft spielerisch jemand anderem zuwies, es gewollt hat. Seitdem hat sich die Autorenzahl, durch Millionen von Lesern, vervielfacht. Folgerichtig erscheinen die Figuren mehrfach, vier oder fünf Dulcineas im roten Rock, sieben oder mehr Ritter von jeweils ähnlich trauriger Gestalt, im hellen Anzug des Heute zwar, doch hier und da mit Beinschiene, einem Fetzen Kettenhemd. Sie kommen aus der Tiefe nach vorn und reden sich in ihre Episoden hinein, verlaufen sich wieder. Eine Kakophonie von Stimmen, Sprachen und Gestalten. Weitaus dauerhafter ist die Musik, Free Jazz des Saxophonisten Peter Brötzmann, begleitet von Schlagzeug und Kontrabass. Das Theater aber erzählt nur zerronnene Erinnerungen, in die sich solche der westlichen Emanzipationsgeschichte mischen: das Kommunistische Manifest, Martin Luther Kings "I had a dream". Die verdoppelten Einzelgänger sind Figuren, deren Ziel im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen ist. Es ist dunkel; ein Verfolgerscheinwerfer tastet sich durch die Halle, als sei er auf der Suche nach dem Zusammenhang.

Cervantes hatte seinen Roman als Parodie auf die triviale Ritterliteratur begonnen. Doch dann wich sein Spott der Liebe zu jemandem, der Schönheit, Güte, Phantasie, und sei alles noch so einfältig, über die Wirklichkeit stellt. Gotscheff liebt Don Quixote nicht. Er findet ihn einfach nicht mehr.

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