• "Rivalen des Jahrhunderts": Angela Stent über die deutsch-russischen Beziehungen und das neue Europa

Kultur : "Rivalen des Jahrhunderts": Angela Stent über die deutsch-russischen Beziehungen und das neue Europa

Jörg Kastl

"Eine genaue Untersuchung der Entwicklung der sowjetischen Politik vor und während der Jahre 1989/90 zeigt, dass die Vereinigung Deutschlands ... eine unbeabsichtigte Folge der Politik Gorbatschows war und das keinem seiner engsten Berater auch nur im Traum eingefallen wäre, dass die Vereinigung noch während ihres politischen Lebens eintreten würde." Dies stellt Angela Stent in ihrer überzeugenden Analyse des deutsch-russischen Schicksalsverhältnisses von 1917 bis in unsere Tage fest.

Die Ostkennerin meint, Kohl habe die Vereinigung ebensowenig vorausgesehen. Ja, die Westdeutschen hätten mit Blick auf die Vereinigung just das Gegenteil dessen getan, was sich die Franzosen nach dem Verlust Elsass-Lothringens vorgenommen hätten: Statt nie darüber zu sprechen, aber immer daran zu denken, habe Bonn immer davon gesprochen, aber nie daran gedacht!

Weshalb hat Gorbatschow so rasch die Positionen geräumt, welche die Sowjetunion um den Preis von 27 Millionen Menschenleben im Zweiten Weltkrieg errungen hatte? Stent glaubt, Moskau habe sich längst übernommen gehabt. In der Tat, als der polnische General Jaruzelski im Dezember 1981 das Kriegsrecht verhängt und mit Moskaus Zustimmung zum Generalsekretär der polnischen Bruderpartei ernannt wurde, statt die Rote Armee zu Hilfe zu rufen - da hatte sich bereits der Bankrott der leninistischen Utopie angekündigt.

Der altersstarre Kreml verwehrte Reformen, verpasste die dritte industrielle Revolution, ließ das rückständige Land noch weiter hinter der ersten Welt zurückfallen. Die Kosten für den Unterhalt des Kolonialimperiums im Westen wuchsen ihm über den Kopf. Und die Perestroika? Gorbatschow hatte weder eine Strategie noch eine Taktik, um den revolutionären Prozess zu bremsen.

"Die UdSSR verfolgte den Sturz Honeckers fast gleichgültig", schreibt Stent. Sie habe auch nach dem Kollaps der DDR nur eine Nebenrolle gespielt, habe reagiert, "fragmentarisch, unkonzentriert" - und miserabel vorbereitet. Wirtschaftlich am Ende, wagte sie auch nicht mehr, ihr gewaltiges Militärpotential einzusetzen, denn dann hätte sie die Wirtschaftshilfe des Westens verspielt, auf die sie angewiesen war.

In den "Zwei-plus-Vier"-Verhandlungen improvisierten Gorbatschow und Schewardnadse, statt etwa - um die volle Mitgliedschaft des vereinigten Deutschlands in der Nato zu verhindern - die britische und französische Karte erfolgreich auszuspielen. Sowohl London als auch Paris und manche Außenpolitiker in Bonn hätten, so die Autorin, einen deutschen Minderstatus vorgezogen. Gorbatschow zog die in die Nato voll eingebundene Bundesrepublik gegenüber einem neutralen Deutschland ohne das austarierende Gegengewicht der USA als das kleinere Übel vor.

Die Gefahr der Schwäche

Die Schilderung des dramatischen Rollentauschs im auf- und abschaukelnden Verhältnis zwischen den beiden Mächten beeindruckt. Vom Gipfel ihrer Macht, den sie 1945 erklommen hatte, stürzte die Sowjetunion vor einem Jahrzehnt in den Abgrund. Der russische Rumpfstaat sieht sich in neuen Grenzen vor einer vierfachen Herausforderung - "vom Totalitarismus zur Demokratie, von der zentralen Planungs- zur Marktwirtschaft, vom imperialen zum postimperialen Staat, vom Einheits- zum Bundesstaat" Unter der schlimmen Last des Erbes aus jahrhundertealter Autokratie und 74 Jahren Kommunismus hat er alle Verbündeten, Strukturen, Territorien und Ansehen verloren. Die Gefahr, die von ihm vor allem für Deutschland ausgehe, urteilt Stent, ist nicht seine Stärke, es ist seine Schwäche. Ob er sich in absehbarer Zeit als ein Baustein in ein gesamteuropäisches Sicherheitsgerüst wird einfügen lassen, lässt sie offen.

Nach der Katastrophe von 1945 habe sich dagegen das vereinigte Deutschland zu einem "erfolgreichen demokratischen, kapitalistischen Staat" emporgeschwungen und seine Nachbarn zu Freunden gemacht. Es bleibe fest in den europäischen und transatlantischen Bündnissen verankert. Den Rückfall in die nationalistische Vergangenheit sei äußerst unwahrscheinlich. Die Autorin billigt ihm zu, dass es, anders als vermutlich Russland, der Sicherheit im neuen Europa als ein Baustein dienen könne.

0 Kommentare

Neuester Kommentar