Kultur : Robbie Williams

Dieses Jahr auf Platz 1

Ralph Geisenhanslüke

Er hat sich den Thron gewünscht, nun gebührt er ihm. Zumindest in Europa. Als Robbie Williams sich im Oktober um den Titel des „King Of Pop“ bewarb, wirkte das noch vermessen. Was soll man im 21. Jahrhundert mit einem derart verstaubten Titel? Aber der Wunsch nach Hierarchien und Leitbildern: unausrottbar. Hauptsache, die nach Worten ringende Begeisterung kann sich in einem Superlativ entladen. Dieses Jahr ist es Robbie, der unverwüstliche Charmebolzen, der Kini. Er hat die meisten Alben verkauft. Seine „Greatest Hits“ und das erst im Herbst im vierten Quartal veröffentlichte „Intensive Care“ erhielten zusammen bislang siebenmal Platin.

Genaue Verkaufszahlen werden von deutschen Plattenfirmen, anders als in den USA, verschwiegen. Doch wurden die Anforderungen für Edelmetall 2005 erneut diskret gesenkt. Nun genügen 100 000 Alben für Gold und 200 000 für Platin. Eingerechnet werden mittlerweile sämtliche Formate, auch DVDs und Downloads. Vor den Klingeltönen macht die Scham noch Halt. Über 360 Millionen Euro wurden allein in Deutschland dafür verplempert, weltweit mehr als fünf Milliarden. Wie viele pakistanische Dörfer oder afrikanische Staatshaushalte man damit retten könnte – gegen diesen Skandal sind Aufregungen wie die gemauschelten Umsätze und Chartplatzierungen der Grand-Prix-Bewerberin Gracia Kinderkram.

Zurzeit macht das Gepiepe rund ein Achtel des Gesamtumsatzes mit Musik aus. Aber in Zukunft soll auch richtige Musik, wenn man den komprimierten Klangmatsch aus MP3-Dateien so bezeichnen will, aufs Telefon verkauft werden. Selbst Journalisten durften Robbie Williams „Intensive Care“ zunächst nur auf einem bestimmten Modell hören. Im Velodrom dankte Williams artig „den Leuten da draußen an ihren Handys“, die das Konzert als briefmarkengroßen Video-Stream auf ihrem Telefondisplay verfolgten. „Das ist die Zukunft“, rief er aus. Hoffen wir, dass er Unrecht behält. Die wahren Helden des Jahres kommen aus Mannheim und Berlin. Die Söhne Mannheims (2) und Wir sind Helden (3) sind die Boten eines Booms deutscher Popmusik, der von dort kommt, wo man die Monarchie längst überwunden hat. Sie sind, das zeigt ihr Erfolg, mehr Deutschland als Sony-Ericsson und T-Online zusammen.

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