Kultur : Robert Gernhardt will die Schönheit der Kunst mit Hilfe der Karikatur retten

Stephan Pabst

Alles am Ende: Gott, die Geschichte, das Individuum und nun die Kunst. Robert Gernhardt witzelt noch ein bisschen herum, wirklich lachen kann er darüber nicht. Im Gegenteil: Klagend stimmt "Der letzte Zeichner" eine Tirade wider den Dilettanten an, denn der soll an allem Schuld sein. Wenigstens entlockt er dem Alten noch einige finale, galgenhumorige Kalauer, ohne die sich die Ende-der-Kunst-Klage etwas angestaubt ausnähme. Ganz überraschend kam es ja auch nicht, das Ende. Hegel hatte schon davon gemunkelt, und Odo Marquard glaubt, Kunst, wenigstens bürgerliche, sei von Anfang an Kompensation ihres Endes gewesen.

Soweit der Stand der Dinge, das apokalyptische Szenario des Bildungsbürgers, das der letzte Zeichner in seinem Eingangsmonolog, einer kleinen Kunstgeschichte des Dilettanten, festhält. Die folgenden Arbeiten Gernhardts (Artikel, Rezensionen, Reden der letzten zehn Jahre) beschäftigen sich mit bildender Kunst, den dazugehörigen Künstlern und den diversen Zweigen der kunstverarbeitenden Industrie (Museum, Feuilleton, Souvenirshops etc.). Sie gelten sämtlich der Frage, wie tot die Kunst (und der dazugehörige Kunstverstand) denn nun genau ist.

Ein wenig kramt Gernhardt in den Anekdoten der Kunstgeschichte, wenngleich vor der Nacherzählung Gernhardts kritischer Witz versagt. Seine unprätentiösen kunsthistorischen Exkurse erweisen sich nur dann als fruchtbar, wenn sie als Teil seiner ganz eigenen Bildungsgeschichte präsentiert werden und dessen Ergebnis zu erkennen geben: einen Kunstverstand, dem jede akademische Überreflexion fremd ist und der immer einen nüchternen Blick auf den ästhetischen Zeitgeist bewahrt.

Ein bisschen Farbe hat die Kunst auch noch im Museum, vor allem in solchen, die keiner wirklich schätzt (außer Robert Gernhardt), oder in solchen, die jeder kennt, in denen aber alle vor den falschen Bildern stehen. Auf keinen Fall aber in solchen, die alle kennen und in denen alle meinen, vor den richtigen Bildern zu stehen. Da sieht man nämlich nichts. Am liebsten geht Robert Gernhardt allein ins Museum und schimpft dabei ein wenig auf die Kunsttouristen. Freilich wäre ohne diese Banausen auch kein erhabenes Hüter-der-Kunst-Gefühl möglich.

Wie löst man das Problem der demokratisierten Kunst? ("Wir waren ganz einfach zu viele Menschen in zu engen Räumen vor zu kleinen Bildern.") Soll man größere Bilder malen? Oder soll man, wie Gernhardt vorschlägt, eine "Kunstfreundzertifikat" ausstellen, das den wirklichen Kunstfreund vom falschen unterscheidet, und so die Besucherzahlen regelt?

Ihr könnt uns alle mal!

Das Rettende der Kunst wächst auch nicht im Hirn jenes Kunsthistorikers, in dem der Kunstverstand bei dem Versuch kollabiert, die Transsubstantiationslehre und Joseph Beuys unter einen Kunsthut zu bringen. Anders als manche aufgeschlossene Arztgattin geglaubt haben mag, wächst es auch nicht auf der "documenta". Robert Gernhardt jedenfalls weiß angesichts der als Bürgerschreck dargebotenen Einfallslosigkeiten nicht, ob er "sich nun vor Lachen bepissen" oder "gleich in die Hosen scheißen" soll.

Gleich nebenan aber, da wächst es, das Rettende. Glaubt man Gernhardt, dann sind es allein die Karikaturisten, die sich dem Ende der Kunst im Dilettantismus, der sich mit dem Titel einer fragwürdigen Freiheit gegen jede Kritik imprägniert, verweigert und ihren gesunden Kunstverstand bewahrt haben. "Ihr könnt uns alle mal!", rufen die Hüter der technisch versierten Zeichnung von der "Titanic" aus dem verdutzten Publikum entgegen und zeichnen weiter - wenn nicht schöne, so doch ganz schön komische Kunst.

Die Apologie der Karikatur verdeutlicht die Stärken und das Dilemma des Gernhardtschen Kunstverstands gleichermaßen. Das Beste gelingt ihm da, wo er sich in der kritischen Überzeichnung künstlerischer Vorlagen versucht. Die karikierende Kritik ist sein eigentliches Terrain, ob er schreibt oder zeichnet oder, wie im vorliegenden Band, über Zeichnungen schreibt. Nicht nur sind Gernhardts Bemerkungen über Karikaturisten am ausgewogensten, was das Verhältnis von Detailbeobachtung, sachlichem Urteil und Sprachwitz angeht. Sie sind inhaltlich auch die mit Abstand originellsten Beiträge des Bandes. Die ihrerseits komischen Übertreibungen Gernhardts beleuchten den Anteil der Karikatur an der Auslegung wirklicher oder vermeintlicher künstlerischer Innovationen. Die karikaturistische Methode der abstrahierenden Überzeichnung ziele immer auf deren ästhetische Essenz. Insofern ist sie reflexiver Bestandteil der Kunstgeschichte, mehr aber auch nicht. Die Karikatur in eine Vorbildfunktion zu rücken, wie es Gernhardt ironisch vorschlägt, allein weil sie abhandengekommene handwerkliche Standards der Kunstproduktion konserviert, läuft auf eine Verwechslung von Kunst und witziger Virtuosität hinaus.

Die Sehnsucht nach den "seligen Zeiten, als noch jedermann wusste, was eine gute Zeichnung ist, was eine schlechte", ist nicht mehr zu stillen und das ist gut so. Denn der Mißbrauch der daraus erwachsenden Freiheit ließe sich nur um den Preis dieser Freiheit ausschließen. Die Überbewertung der Karikatur, die nichts Neues hervorbringt, sich vielmehr zum Neuen bloß kommentierend verhält, entspringt einer Kunstauffassung, die sich an die Sicherheiten des Kanonisierten klammert. Das vermeintliche Ende der Kunst entpuppt sich auch hier bloß als das Ende eines bestimmten Kanons.

Trotzdem: Die ehrliche Betroffenheit, mit der Gernhardt ins offene Messer dieser Kritik rennt, setzt ihn ins Recht gegen jeden Kunstliebhaber, der sich vor lauter Verständnis gar nicht mehr aufregt. Mag er ein komischer Bildungsbürger sein, seine Komik und seine Bildung machen den Gewinn aus, mit dem man "Der letzte Zeichner" schließlich doch liest.Robert Gernhardt: Der letzte Zeichner. Aufsätze zu Kunst und Karikatur. Haffmans, Zürich 1999. 344 Seiten, 49 DM.

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