Kultur : Robert Lepage im Gespräch: Der Mond ist unser Spiegel

Monsieur Lepage[beim Festival "Theaterwelten" zei]

Monsieur Lepage, beim Festival "Theaterwelten" zeigen Sie "The Far Side of The Moon". Können Sie sich noch an die Mondlandung erinnern?

Ich war damals elf. Den Wettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion um die Eroberung des Weltalls habe ich sehr interessiert verfolgt. Aber in Kanada haben wir wenig von den Sputniks gewusst. Für meine Produktion habe ich mich dann mehr mit dem sowjetischen Weltraumprogramm beschäftigt. Mich hat daran das Romantische und Verrückte fasziniert.

Begreifen Sie sich als einen Kosmonauten? Ihr Theater erforscht das Verborgene, Landschaften des Unbewussten?

Wenn ich von den ersten Weltraum-Missionen erzähle, dann ist das natürlich ein Vorwand, um das gewöhnliche Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

In Ihrem Solo-Stück behaupten Sie: Der Wunsch des Menschen, den Weltraum zu erobern, resultiert nicht aus Neugierde, die wahre Triebkraft ist der Narzismus.

Als Apollo 8 den Mond umkreiste, um dessen verborgene Seite zu erkunden, wurden gleichzeitig Bilder von der Erde gemacht: Sie sah aus wie der Mond oder wie die Sonne - ein Himmelskörper unter vielen. Das war ein Schock, eine geistige Revolution. Mein Stück handelt davon: Wir erforschen den Mond, um uns selbst zu betrachten. Bis zu Galileo glaubten die Menschen übrigens, der Mond sei ein riesiger Spiegel.

Laurie Anderson hat die Musik geschrieben. Ist auch sie mondsüchtig?

Sie hat sehr oft vom Mond gesprochen. Bei unserem ersten Telefonat war sie gerade in Neapel und beschrieb mir, wie ein roter Mond aufgeht. Sechs Stunden später sah ich ihn dann in New York - ein merkwürdiges Gefühl.

Sie sind vor allem für Ihre aufwendigen Menschheitsepen bekannt. Diesmal stehen Sie allein auf der Bühne. Warum?

Die großen Produktionen entstehen in einem kollektiven Prozess, und da kann ich vieles nicht ausgedrücken. Deshalb mache ich alle vier bis fünf Jahre ein Solo-Programm. "The Far Side" ist ein sehr persönliches Stück. Aber es ist Theater, das Private und Autobiographische erscheint auf der Bühne maskiert.

Haben Sie hierfür einen besonderen Spielstil entwickelt?

Ich nenne sie Low-Tech-Projekte, denn im Vergleich zu meinen sonstigen Arbeiten hängen sie nicht von den technologischen Bedingungen ab. Eine besondere Methode zu entwickeln, ist gar nicht nötig. Bei einem Theater-Festival in Limoges kam ein Afrikaner auf mich zu, der mein Solo "Vinci" gesehen hatte. Er sagte: "Du bewegst dich auf der Bühne, als wenn du zum Strand gehen würdest. Als ob nicht so wichtig sei, was du tust." Ich war zunächst völlig perplex. Aber dann begriff ich, worauf er abzielte.

Worauf?

Er selber spielte wie in Trance. Was er meinte, war folgendes: Wenn ein Darsteller allein auf der Bühne steht, ist das eine hohe Konzentration von Energie. Und all diese Energie ist bereits vorhanden, auch im Publikum. Du musst sie einsaugen, sammeln und konzentrieren, ohne selbst angespannt zu sein. Die europäische Tradition ist eine andere: Unsere Schauspieler arbeiten auf der Bühne, setzen sich großen Anstrengungen aus. Mit der Attitüde: Bitte stört mich nicht! Ich bewundere Schauspieler, aber ich bin im Theater oft gelangweilt. Immer dann, wenn meine Intelligenz und meine Intuition nicht angesprochen werden.

Sie arbeiten stets an mehreren Projekten gleichzeitig. Wie schaffen Sie das?

Ideen parallel voranzutreiben, erschöpft mich nicht. Im Gegenteil, daraus schöpfe ich immer wieder neue Kraft. Wenn ich an einem Stück arbeite und ein Problem auftaucht, dann mache ich zwischendurch eine Oper und ein Filmprojekt, und dann fallen mir auf einmal Lösungen ein. Alles hängt zusammen und beeinflusst sich gegenseitig.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Mein neuer Film "Possible Worlds" wurde gerade bei den Filmfestspielen in Venedig vorgestellt. Ein Film über das Gehirn und die Imagination. Gleichzeitig arbeite ich an einer Neuinszenierung der Berlioz-Oper "Fausts Verdammnis" für die Pariser Opéra Bastille. Außerdem beschäftigt mich derzeit ein großes Projekt mit dem Titel "Zulu Time", das von dem Musiker Peter Gabriel mitproduziert wird. Für dieses Theaterstück habe ich lauter Künstler eingeladen, die nicht vom Theater kommen: Videokünstler, Musiker aus verschiedenen Ländern, auch Wissenschaftler. Es ist ein großes Cabaret, voller High-Tech. Der Titel "Zulu Time" bezieht sich auf den letzten Buchstaben des Internationalen Airport-Alphabets. "Zulu Time" ist aber auch ein militärischer Begriff und meint die Universalzeit. Es wird also wieder um das Fliegen gehen.

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