• Robert Wilson inszeniert in Paris zwei Opern von Gluck und verbindet Zeitgeist mit historischem Original

Kultur : Robert Wilson inszeniert in Paris zwei Opern von Gluck und verbindet Zeitgeist mit historischem Original

Jörg von Uthmann

Ja, das gab es einmal - einen musikalischen Streit, in dem der König, Madame Pompadour, Marie Antoinette und alle Salons der Hauptstadt Partei ergriffen. Die Anhänger der französischen Oper scharten sich um Jean-Philippe Rameau, die Anhänger der italienischen opera buffa um den heute vergessenen Vielschreiber Niccolò Puccinni und die Anhänger des neuen, in Wien gepflegten Klassizismus um Christoph Willibald Gluck. Der Streit wurde mit scharfen Pamphleten und feingesponnenen Intrigen geführt und währte drei Jahrzehnte. Es endete damit, dass Rameaus Opern nach seinem Tod vom Spielplan verschwanden und Gluck Paris verbittert den Rücken kehrte.

Jetzt haben die Pariser Gelegenheit, den alten Disput noch einmal nachzuschmecken. Während die Opéra, die anderthalb Jahrhunderte lang von Rameau nichts wissen wollte, "Les Indes galantes" aufs Programm setzte, eröffnet das Châtelet sein renoviertes Haus mit zwei Gluck-Opern, darunter der selten gespielten "Alceste". Im Palais Garnier dirigiert der Amerikaner William Christie seine "Arts Florissants", im Châtelet der Brite John Eliot Gardiner seine Band, die an einem Abend "Orchestre Révolutionnaire et Romantique" heißt und am nächsten "The English Baroque Soloists".

Wie das? Gardiner hat sich entschieden, "Orphée et Eurydice" weder in der italienischen Version von 1762 noch in der französischen von 1774 aufzuführen, sondern in der Bearbeitung, die Hector Berlioz 1859 der großen Mezzosopranistin Pauline Viardot auf den Leib schrieb. Diese Bearbeitung hat er vor zehn Jahren mit einem modernen Orchester eingespielt. Jetzt präsentiert er sie mit dem "historischen" Ensemble. Auch von "Alceste" gibt es eine frühe italienische Fassung und eine späte von Berlioz. Hier hat Gardiner die mittlere, französische Version gewählt und dazu die "English Baroque Soloists". Die Musiker seien zwar die gleichen, erläutert er im Programm, doch seien die Barock-Solisten auf einen niedrigeren Kammerton (430 Hertz) als die revolutionären Romantiker (435 Hertz) gestimmt. Auch hat er seiner "Alceste" zuliebe einige Arien nach unten transponiert. In der berühmtesten ruft sie die Götter der Unterwelt an, aber nicht als "divinités du Styx", sondern - wie in der italienischen Fassung - als "ombres, larves". Gardiner kann recht fuchtig werden, wenn man seine editorischen Entscheidungen anzweifelt. Könnte es sein, dass der archäologische Aufwand nicht das 18. Jahrhundert zutage fördert, sondern die Empfindsamkeiten des späten zwanzigsten?

Von diesem grundsätzlichen Einwand abgesehen, zeigt sich das janusköpfige Orchester in glänzender Verfassung. Gardiner liebt federnde Rhythmen und einen zupackenden, mitunter brüsken Klang. Großartig auch Anne Sofie von Otter. Für Alceste, die für ihren Gatten in den Tod gehen will, aber von Ilerakles gerettet wird, findet sie das pastose Pathos, das den 11-jährigen Wolfgang Amadeus Mozart, der der Wiener Premiere beiwohnte, später zu den Grabgesängen des "steinernen Gastes" inspirierte. Den Orpheus singt die noch sehr junge Tschechin Magdalena Kozena. Sie hat eine angenehme Stimme, doch fehlt ihr die nötige Tiefe.

Robert Wilson, der beide Werke inszenierte, wurde von einem Teil des Publikums lautstark ausgebuht - zu Unrecht: Sein Hang zum Minimalismus ist in vielen Opern fehl am Platze, nicht jedoch bei Gluck, dessen noble Monumentalität er in Bilder von karger Schönheit übersetzt. Mit gutem Grund fasst er die beiden Werke, in denen es um Gattenliebe und Tod geht, als Einheit auf. In beiden schwebt aus der Luft ein Würfel heran, kommt näher und entfernt sich wieder - wohl ein Symbol für die Macht des Schicksals, für das Damoklesschwert, das die Liebenden bedroht.

Nur mit dem Chor tut Wilson sich schwer. Eigentlich wollte er ihn beide Male ins Orchester verbannen, doch konnte er sich gegen Gardiner, der aus seiner Abneigung gegen sachfremde Regieeinfälle kein Hehl macht, nur in "Alceste" durchsetzen. Wie oft geschieht es, dass im Orchestergraben die Museologie triumphiert, auf der Bühne dagegen der Zeitgeist! Im Châtelet bilden beide eine Einheit.

Keineswegs minimalistisch, sondern bunt wie eine Ziegfeld-Show sind Andrei Serbans "Indes galantes" im Palais Garnier. Rameaus gutgelaunte Mixtur aus Gesang und Tanz ist eine Hommage auf den edlen - und nicht zuletzt auch den potenten - Wilden, von dem die gepuderte Hofgesellschaft in Versailles schwärmte. Serban, der seiner Neigung zu Kalauern manchmal allzu ungehemmt nachgibt, hat hier genau den richtigen Ton getroffen: Der Tanz der persischen Blumentöpfe, die Anrufung des Sonnengotts der Inkas, der nachfolgende Vulkanausbruch - sie alle sind von mitreißendem Charme. Anders als Gardiner hat William Christie seine Musiker auf ein eher lockeres, weiches Klangbild getrimmt. Natalie Dessay als Hebe, die Mundschenkin auf dem Olymp, als persische Sklavin Fatime und Indianerin Zima nimmt mit Bravour selbst die höchsten Töne.

Die Barockoper auf "Originalinstrumenten", bis vor kurzem noch eine Kuriosität im Pariser Musikbetrieb, ist auf dem besten Wege, zur Institution zu werden. Sie hat sogar gute Aussicht, ein eigenes Haus zu bekommen - die ziellos, geldlos, cheflos vor sich hindümpelnde Opéra Comique.

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