Kultur : Robert Zemeckis: "Rückblenden sind wie ein schräger Ton in der Partitur"

Herr Zemeckis[Sie bringen erwachsene Kinobesucher]

Herr Zemeckis, Sie bringen erwachsene Kinobesucher dazu, sich am liebsten unterm Kinosessel verkriechen zu wollen. Was macht eigentlich Ihnen Angst?

Ich habe eher emotionale, neurotische Ängste, die meine Beziehungen zu anderen Menschen betreffen. Ich fürchte mich nicht vor Atomkriegen, Erdbeben oder Flugzeugabstürzen.

In Schatten der Wahrheit ist auch der Thriller nur eine Art Gerüst, etwa für die Erkundung der weiblichen Sensibilität?

Ja, ich kann nur einen Film machen, wenn ich darin eine Schlüsselszene erkenne. Hier war es der Moment, in dem die Figur von Michelle Pfeiffer entscheiden muss. Soll sie dem Rat ihres Mannes folgen oder die Suche nach der Wahrheit fortsetzen? Eine schöne, dramatische Metapher für die weniger sensationell wirkenden Entscheidungen auch in unseren Ehen und Beziehungen.

Wie wichtig war es Ihnen, Michelle Pfeiffer für die Hauptrolle zu gewinnen?

Das Casting zu diesem Film war so einfach wie noch nie! Ich hatte von Anfang an an Harrison Ford gedacht, und er hat schnell zugesagt. Michelle Pfeiffer war auch meine erste Wahl. Dann mussten wir ein Jahr lang warten, weil beide ständig beschäftigt waren. Eine Zeitlang haben wir unser Leben nach ihnen ausgerichtet. Harrisons positives Helden-Image passte mir gut für die Spannung des Films. Überhaupt, die Zuschauer sollten Vertrauen fassen. Die Zuschauer glauben an seine Stärke und Aufrichtigkeit.

Mussten Sie Michelle Pfeiffer und Harrison Ford bei den Dreharbeiten auch Angst einjagen, um sie in Stimmung zu bringen?

Nein nein, sie spielen Angst ja nur. Das ist ihr Job. Der Film ist ganz aus der Sicht von Michelle Pfeiffers Figur erzählt, einer Art später Hitchcock-Heldin. In der ersten Drehbuch-Version gab es einige Rückblenden. Andererseits finde ich Rückblenden oft peinlich - wie einen schrägen Ton in der Partitur. Also habe ich darauf verzichtet, auch wenn der Plot dadurch schwerer zu verstehen ist.

Im Film lassen Sie die verschreckte Michelle Pfeiffer viel in der Badewanne allein.

Das Wasser ist die durchgehende Metapher des Films. Oft sieht das Wasser an der Oberfläche ganz sanft aus, und darunter rumort dann eine ganz andere, dunkle Welt.

Wie zufällig spielen Sie auf Hitchcocks Duschszene in "Psycho" an?

Bei mir gibt es viel mehr Wasser! In "Psycho" wird die Frau nur in der Dusche ermordet und dann in einen Sumpf geworfen.

Ihre Kameraperspektiven sind oft ungewöhnlich. Alles für den Suspense?

Thriller machen besonders viel Spaß. Die Kamera darf so schön betrügerisch sein. In einem Gefühlsdrama muss die Kamera die Wahrheit wiedergeben, mit einer zu überraschenden Einstellung lenkt man nur ab. Hier konnte ich die Kamera zum Beispiel im Rücken der Figuren aufbauen: Das macht die Zuschauer ganz nervös. Schön ist es auch, die Figuren am Bildrand zu plazieren, das ist ungewöhnlich und wirkt so angenehm beunruhigend.

Wie stark ist denn da der Hitchcock-Einfluss? Es gibt doch offensichtliche Parallelen.

Michelle Pfeiffer wirkt so zerbrechlich und stark zugleich wie viele Blondinen bei Hitchcock. Harrison heißt zufällig Norman wie Norman Bates in "Psycho". Ich habe aber keine seiner Szenen direkt kopiert. Hitchcock musste meinen Film zwangsläufig beeinflussen, weil er nie etwas anderes als Suspense gemacht hat. Hitchcocks Stil ist Teil unserer Bildkultur und unserer unbewussten Erinnerungen geworden. Selbst wer noch keinen Hitchcock-Film gesehen hat, kennt die berühmten Ausschnitte.

Ist es eine Art postmodernes Vergnügen auch für Sie, mit den Referenzen zu spielen wie in "Scream 1, 2 und 3"?

Schon als junger Regisseur habe ich mich gefragt, warum Spannung und Suspense so gut im Film funktionieren. Man kann seinen Helden zum Beispiel der Mitte der Films in Gefahr bringen und der Zuschauer weiß genau, dass er dabei nicht sterben wird. Schließlich muss er noch den restlichen Film absolvieren! Das Wunder ist, dass trotzdem Spannung aufkommt! Ich kann es mir dieses Wunder nur so erklären, dass in einem gelungenen Thriller das Unbewusste des Zuschauers irgendwann sein Hirn überwältigt. Das Unbewusste schickt ständig Signale zum Hirn und stellte immer die Frage: "Was würde ich in seiner Lage machen?" Trotzdem: Die Angst im Kino bleibt für mich ein großes Geheimnis.

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