Kultur : Robin oder die Blume?

KERSTIN DECKER

Patch Adams, Patient der Nervenklinik (noch hält er seine clowneske Seite für eine Krankheit) macht eine Erfahrung, die wohl jeder kennt: Im Krankenhaus wird man immer kränker.Seelisch.Sehen all die Apparate nicht wie kleine Erdölraffinerien aus? So unmenschlich.Und die Ärzte sind so ernst beim Operieren.Seitdem denkt Patch über eine Revolutionierung des Berufsstandes des Mediziners nach und den Anteil, den er selbst daran haben könnte.Arzt sein! Arztclown.Sein medizinisches Bekenntnis: Lachen ist gesund.

Hören Sie den Biederton? Vernehmen Sie die Botschaft? Hollywood könnte die Geschichte erfunden haben, aber die Wirklichkeit ist schon viel weiter.Patch Adams gibt es wirklich.Und Robin Williams spielt ihn.Kann diesem Film überhaupt noch etwas passieren? Oh ja.Genau das, was solchen Gutmenschen-Geschichten öfter geschieht.Sie ertrinken im Zuviel.Trotz Robin Williams.Wieviel dieser Schauspieler sagen kann mit einer minimalen Regung - der Freude, des Glücks, der Trauer, des Zorns -, aber hier wird ihm alles gleich in Serie abverlangt.Es tut beinahe weh, das mitanzuschauen.

Natürlich ist es lustig.Ein bißchen."Der verrückte Professor" und "Der Dummschwätzer", Tom Shadyacs letzte Filme waren auch lustig - wenn man sie aushielt.Das Problem der Schulmedizin ist: Clowns sind so unwissenschaftlich.Und schwer integrierbar in eine ordentliche Facharztausbildung.Patch Adams fliegt also aus der Klinik und kommt wieder.Irgendwann baut er der Gynäkologie ein wunderbar anstößiges, aufblasbares Portal und danach seine eigene Klinik.Die sieht dann aus wie eine Hippie-Großkommune (es ist Anfang der 70er).Unklar bleibt, ob dort genausoviel gekokst wird.Jedenfalls ein sehr sympathisches Krankenhaus.Das des richtigen Patch Adams soll indes nur mäßig erfolgreich sein, was sich nach diesem Film aber ändern könnte.

Natürlich kommt wie im Leben jedes Genius auch für Patch Adams der War-das-denn-alles-richtig-so-?-Augenblick.Es ist zugleich die schauderhaftste Szene des Films: Patch-Williams vor großer Landschaft, mindestens so weit wie seine Seele.Aber dort! Ein winziger computeranimierter Schmetterling.Segelt heran wie ein außer Kontrolle geratenes Flugzeug.Wen wird er wählen, Robin oder die Blume?

Wer Kitsch für einen unvermeidbaren Bestandteil des Lebens und der Kunst hält und sich außerdem nicht daran stört, daß der Film mit großem Pathos als Alternative aufbaut, was in Wahrheit nur Ergänzung ist - Schul- und Lachmedizin -, der mag sich "Patch Adams" anschauen.Schon wegen Robin Williams.Und die allerletzte Szene hat doch wirklich Klasse.

Auf 26 Berliner Leinwänden; Kurbel und Cinemaxx Potsdamer Platz (OV)

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