Kultur : Robinson der Mythen

Zum 80. Geburtstag des französischen Romanciers Michel Tournier

Katrin Hillgruber

Unermesslich ist das mythische Reich Michel Tourniers, vielgestaltig sind dessen Botschafter. Das kann ein Berberjunge aus der Sahara sein, dem eine fotografierende Touristin nicht nur sein Bild, sondern auch seine Seele entwendet. Woraufhin er Jahre später nach Paris aufbricht. Er sucht sein Foto in einem Land, das zwar viele Bilder und Erklärungen, aber nur wenig Labsal fürs Gemüt bietet, wogegen der Islam ein „unergründlicher Brunnen“ sei, wie der Autor im Nachwort zu seinem Roman „Der Goldtropfen“ von 1987 schreibt. Ein anderer zwiespältiger Botschafter ist der französische Automechaniker Abel Tiffauge. Als er im Zweiten Weltkrieg als Gefangener nach Ostpreußen gerät, in Görings Jagdrevier Rominter Heide, offenbart sich ihm das feindliche Germanien „wie ein Gelobtes Land“. Der Überläufer soll für die NS-„Ordensburg“ Kaltenborn den Nachschub an blonden Knaben aus weißruthenischen Dörfern sichern, was ihm den Namen „Ogre“ oder „Unhold von Kaltenborn“ beschert. Am Ende liest er einen halbtoten jüdischen Jungen auf und trägt ihn in seinen Armen durch alle Kriegswirren: ein merkwürdig positiver Erlkönig.

„Der Erlkönig“ (Le roi des Aulnes), Michel Tourniers zweiter Roman, wurde 1970 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Das Buch des Deutschland-Liebhabers ist bis heute als Versuch, das Verführungspotenzial der NS-Ideologie zu erkunden, umstritten. Es brachte ihm sogar das Verdikt eines romantischen Faschisten ein. Die Debatte flammte 1996 mit Volker Schlöndorffs Kinoversion „Der Unhold“ wieder auf, die ihrerseits an einer zu naiven Sichtweise litt: Unvergesslich in der Titelrolle John Malkovich.

Die Verklärung des „Dritten Reichs“ lag Michel Tournier als Pazifisten und Streiter für gesellschaftliche Minderheiten fern. Dennoch bezeichnet er den „mystischen Naturalismus, der den Gegensatz profan-sakral nicht anerkennt“ als Grundlage seines Schreibens; den Menschen begreift er als ein „aus Mythen lebendes Tier“. Der Literaturkritiker K.H. Kramberg nannte Tournier einen „Anarchen im Sinne Ernst Jüngers“, der als solcher zum Aufstand aller gegen alles bereit sei. Deutschland wurde dem Sohn zweier Germanisten zum Lebensthema. Mit zwanzig übersetzte er Remarques „Im Westen nichts Neues“. Nach Kriegsende reiste er als einer der ersten Zivilisten ins Nachbarland, studierte vier Jahre lang in Tübingen und beförderte als enger Freund François Mitterands maßgeblich die deutsch-französische Freundschaft.

„Philosophielehrer im Kindergarten“ wäre er gerne geworden, sagte Tournier einmal. Das Bemühen um die jungen Leser, um das Kind als „Zeichenträger des Menschlichen und der Natur“, ist sein zweites großes Anliegen. In Gestalt eines Jugendromans klagte er 1967 seinem späten Debüt „Freitag oder im Schoße des Pazifik“ die postkolonialen Herrschaftsverhältnisse an. Robinsonaden sind alle Romane Tourniers, Expeditionen ins Reich der Fantasie im Dienste der Aufklärung. Am Sonntag feiert der eingefleischte Junggeselle in einem ehemaligen Kloster südlich von Paris seinen 80. Geburtstag.

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