Kultur : Robinson, sprich

Die Nobel-Vorlesung von J.M. Coetzee

Gregor Dotzauer

Was so einer macht, der mit offenen Augen durch die Welt läuft und darüber schreibt, bleibt auf immer ein Geheimnis. Weil er schon beim Versuch, das Gesehene festzuhalten, die Augen schließen muss, um es zu vergegenwärtigen. Und weil es ihm schon in dem Moment, in dem ein Satz aufs Papier gelangt, nicht mehr gehört. Es lebt für sich – und den Blick der anderen. Ein Schriftsteller erfindet die Wirklichkeit, und dass sie von seinen Lesern als solche anerkannt wird, egal, von wievielen Hirngespinsten sie bevölkert wird, ist ein Wunder, das nicht einmal er hinreichend erklären kann. Erklären könnte es nur die Instanz, die es am wenigsten vermag: die Literatur selbst oder die Kunstfigur, die aus ihr ersteht. Und so ließ J.M. Coetzee in seiner Stockholmer Nobelpreis-Vorlesung am Samstag Robinson Crusoe für dessen Herrn und Meister Daniel Defoe reden – und beide für sich selbst.

„He and his man“, das war ein (Selbst-)Porträt des Erzählers aus der Sicht seines berühmtesten Geschöpfs. Eine Unmöglichkeit also, wenn die Umkehrung der Hierarchien von Fiktion und Wirklichkeit nicht für eine wechselseitige Durchdringung stünde, die sich schon aus der realen Grundlage des Crusoe-Stoffes, dem Schicksal des Seemannes Alexander Selkirk, ergibt.

Man hätte von der Nobel Lecture des südafrikanischen Autors alles Mögliche erwarten können: eine Predigt gegen Massentierhaltung und Fleischverzehr, wie sie in seinen jüngsten Büchern angelegt ist. Oder Aufklärung über seinen politischen Standort, der in seinen frühen Romanparabeln über die eigene, noch von Apartheid bestimmte Gesellschaft nur angedeutet war. Aber auf der größten Rednerbühne, die ihm jemals zur Verfügung stehen wird, legte Coetzee wieder alles darauf an, sich zurückzunehmen und einen vertrackten, rein literarischen Text zu präsentieren, der sich nicht beim ersten und nicht beim zweiten Lesen erschließt, sondern mit Geduld enträtselt werden will.

„Er und sein Mann“ setzt Coetzees Beschäftigung mit Daniel Defoe fort, die 1986 mit dem Roman „Mr. Cruso, Mrs. Barton & Mr. Foe“ begann. Der Text enthält einen Diskurs über den mörderischen Entenfang im englischen Lincolnshire und einen über das legendäre Schafott von Halifax, wie man sie in Defoes dreibändiger „Tour through the whole Island of Great Britain“ (1724 – 27) findet; dazu eine Reihe von Anekdoten zur britischen Pest, die Defoes „Journal of the Plague Year“ (1722) entstammt – historische Reminiszenzen, die sich alle auf die Gegenwart übertragen lassen. Eingeschoben sind die Fragen des alternden, von seiner Insel längst zurückgekehrten Robinson Crusoe an seinen Autor, „my man“, wie es in Anlehnung an Crusoes Gefährten Freitag, „my man Friday“ heißt: „Was für ein Mensch ist das bloß, der so geschäftig quer durch das Königreich hierhin und dahin eilt, von einem Schauspiel des Todes zum Nächsten (Erschlagen, Köpfen), und einen Bericht nach dem anderen schickt?“ Und: „Wovon singt er insgeheim noch, fragt er sich verwundert, dieser arme geplagte Mann, von dem er liest, außer von seiner Verlassenheit? Was ruft er, über die Meere und über die Jahre hinweg, aus seinem privaten Feuer?" Es ist das Erschrecken über Defoes Augenmerk für die Schrecken der Wirklichkeit als Ausdruck seiner Seele, zugleich entsteht daraus ein Plädoyer für das Erzählen mythischer Stoffe. Es scheint Robinson, „als gebe es nur eine Handvoll Geschichten auf der Welt; und wenn es den Jungen verboten sein soll, die Alten auszubeuten, dann müssten sie für immer schweigen."

Doch mit Robinson spricht einer, den Defoe niemals hören wird. Denn: „Als was sollen sie auftreten, dieser Mann und er? Als Herr und Sklave? Als Brüder, Zwillingsbrüder? Als Waffenbrüder? Oder als Feinde, Widersacher? Wenn er sich für ein Bild entscheiden muss, dann würde er schreiben, sie seien wie zwei Schiffe, die in entgegengesetzter Richtungen segeln, das eine nach Westen, das andere nach Osten. Oder besser, dass sie Hilfsmatrosen sind, die in der Takelage arbeiten. Ihre Schiffe fahren dicht aneinander vorbei, in Rufweite. Aber die See ist rau, das Wetter stürmisch: Gischt peitscht ihnen in die Augen, ihre Hände brennen vom Tauwerk, so fahren sie aneinander vorbei und sind zu geschäftig, um nur zu winken.“ Wozu auch – etwa von Geisterschiff zu Geisterschiff?

Die Nobel-Vorlesung von J.M. Coetzee findet sich auf im Netz unter www.nobel.se

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