Kultur : Robo-DJs: Die Angela-Merkel-Frage

Christoph Amend

Es war nicht vorauszusehen, dass man in dieser Nacht in Barcelona auf dem Musikfestival Sonar an Angela Merkel und Ray Kurzweil denken würde. Die Parteivorsitzende der CDU hat ein Faible für das Thema Künstliche Intelligenz, für die Frage, was es bedeutet, wenn die Grenze zwischen Mensch und Maschine zu verwischen beginnt. Wie Computer lernen, sagt sie, "wie sie vielleicht selbst regenerieren, das ist schon spannend und teilweise erschreckend." Computer werden menschlich, das ist die Richtung, die Frau Merkel interessiert. Der Wissenschaftler Kurzweil wiederum sagt voraus, dass schon in wenigen Jahren das menschliche Gehirn von einem Scanner erfasst und dann mit Programmen beliebig verändert werden kann. Maschinen werden menschlich, Menschen werden maschinell, so könnte man es etwas vereinfacht beschreiben. Warum aber fallen einem die Sätze von Angela Merkel auf der Tanzfläche der Discothek Lolita ein, nachts um halb drei? An einem Ort, der vor vierzig Jahren Fred Astaire eine Bühne geboten hat, wie Fotos an den Wänden zeigen. Die Antwort: Auf der Bühne ist zu beobachten, wie die Popkultur das Thema Mensch-Maschine neu interpretiert.

Das Festival Sonar findet 2001 zum achten Mal statt, und es hat sich von einem Geheimtipp zu einem Must der Branche entwickelt. Spezialisiert auf elektronische Musik, zog es 1994 6000 Gäste nach Barcelona, im vergangenen Jahr waren es bereits 50 000. Man kann die Pop-Industrie, was ihre Reiselust betrifft, mit dem internationalen Tennis-Circus vergleichen, nur dass die vier Grand-Slam-Turniere Musikmessen sind. Das Jahr beginnt mit der Winter Music Conference in Miami Beach, es folgen die Midem in Cannes, Sonar und Ende August die Popkomm in Köln, das Wimbledon der Musikbranche. Und so wie im Tennis Profis und Trainer von Stadt zu Stadt reisen, trifft man auch DJs und Produzenten an den heimischen Flughäfen. Wer einmal in einem Flugzeug Ende August nach Köln saß, weiß, was es mit dem Ausdruck "Popkomm-Bomber" auf sich hat: Der Sektkonsum an Bord steigt ins kaum mehr Messbare, Menschen in bunten T-Shirts und großen Sonnenbrillen lassen es sich um zwölf Uhr mittags richtig gut gehen. Die Messe als Nachtleben für tagsüber: Diese Art von Invasion hat in den vergangenen Tagen Barcelona erlebt. Und wenn man den Empfangshof des Festivals betritt, der an ein Biergelage auf Mallorca erinnert, ist mancher Bewohner der katalanischen Stadt ganz froh, wenn der Partyzirkus zum nächsten Grand-Slam-Ort weiterzieht.

Es ist also Nacht in Barcelona, und das Münchner Label Gigolo Records hat geladen. Später wird DJ Hell auflegen, unter anderem einen brillianten Remix des Achtziger-Jahre-Songs "Sunglasses at night". Und die New Yorker Band Fisherspooner wird mit ihrem Auftritt, einer Mischung aus Punkrock und Techno, das Publikum verzaubern. Nun aber gehen Scheinwerfer an und leuchten auf die Bar links neben der Bühne. Hunderte Zuschauer drehen ihre Köpfe und sehen zwei beinahe drei Meter hohe Industrieroboter, die am Boden fest montiert sind und sich in alle Richtungen drehen können. Vor ihnen jeweils ein Plattenspieler und hinter ihnen nebeneinandergelegt ein halbes Dutzend Schallplatten. Dann beginnt das Schauspiel. Die riesigen Stahlungetüme drehen sich parallel nach hinten, greifen je nach einer Schallplatte, legen sie auf den Plattenspieler, die Nadeln senken sich auf das Vinyl, und die Musik setzt ein.

Alles im Takt, alles perfekt zusammengemischt wie von einem menschlichen DJ. Der linke Roboter stoppt seine Platte, scratcht sie hin und her, während rechts die Musik weiterläuft. Dann werden Platten gewechselt, angehalten, wieder gescratcht - alles automatisch. Das Publikum begreift nicht sofort, was geschieht, klatscht und pfeift aber begeistert. Und man stellt sich die Angela-Merkel-Frage: Treten hier Maschinen auf, die beinahe menschlich sind? Oder werden, um mit Ray Kurzweil zu sprechen, die DJ-Roboter im Hintergrund von Menschen programmiert, die davon träumen, Maschinen zu sein?

Man muss sich dieses Bild noch einmal vor Augen halten: Zwei Roboter legen in einer Discothek Platten auf, vor ihnen bilden die Zuschauer einen Halbkreis, halten Fotoapparate und Videokameras in die Luft, knipsen und filmen, als bräuchten sie einen Beweis für das, was sie gerade erleben. Wir ziehen uns aus den vorderen Reihen zurück, die Roboter sind nun verdeckt von den Menschen. Wüsste man nicht, dass es Roboter wären, könnte man glauben, irgendeinem gerade entdeckten 18jährigen DJ-Talent aus Bilbao zuzuhören. Die Roboter kommen aber aus Karlsruhe, sie wurden am Zentrum für Kunst und Medientechnologie gebaut und nach Spanien transportiert. Sie heißen "juke bots", ein Wortspiel aus Juke Box und Roboter, und sind ein Projekt der Künstler Martina Haitz, Matthias Gommel und Jan Zappe. Die "juke bots" wurden vor einem halben Jahr entwickelt. "Sie werden seitdem für Auftritte gebucht", sagt Jan Zappe, "wie menschliche Künstler auch."

Roboter in der Popkultur sind ein altes Phänomen. Von den Elektronik-Pionieren Kraftwerk aus Düsseldorf bis zu Breakdance-Figuren im amerikanischen HipHop, immer wieder waren Maschinen in den letzten zwei Jahrzehnten ein Thema. Seitdem die technischen Möglichkeiten in der Wirklichkeit aber so weit fortgeschritten sind, dass ein renommierter Forscher wie der Amerikaner Hans Moravec prophezeit, "Computer übernehmen die Macht", treffen Fantasien aus der Kunst auf die rasanten Entwicklungen der Wissenschaft. Im Herbst kommt zu diesem Thema ein neuer Film der Regisseurs Steven Spielberg in die deutschen Kinos.

Vielleicht also ist dieser Auftritt ein Hinweis für die Entwicklungen der Popkultur in den nächsten Monaten. Und wer weiß, denkt man an diesem Abend in der Discothek Lolita, vielleicht bereiten sich Kraftwerk in einem Labor auf einen Klonversuch vor. Das klingt nach Science-Fiction? Manche DJs, die man während der Messe traf, machten bereits einen Eindruck, als seien ihre Gehirne eingescannt und verändert worden. Was aber natürlich auch an anderen Substanzen gelegen haben kann.

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