Kultur : Robot-Cat im Pflegeheim

Das Deutsche Hygienemuseum Dresden beleuchtet „Mensch und Tier“

Ulrike Baureithel

Mit den Wandbildern in den Höhlen von Altamira haben uns unsere Vorfahren ein aufschlussreiches Zeugnis hinterlassen: Während die vielfältige Tierwelt in den technisch ausgefeilten Darstellungen eine vorherrschende Rolle spielt, weisen sie dem Menschen einen eher marginalen Platz zu: Tiere scheinen in der Wahrnehmung der Steinzeitmenschen wichtiger gewesen zu sein als Menschen. Das hat sich gründlich verändert. Als die NASA 1977 ihren Satelliten „Voyager“ ins All schickte, hinterließ sie den „Außerirdischen“ eine Bildplatte, die von der zweigeschlechtlichen menschlichen Existenz auf der Erde berichtet. Tiere kommen in dieser Überlieferung, obwohl sie in der Überzahl sind, nicht mehr vor.

Ist dies nun ein Hinweis darauf, dass sich der Mensch endgültig vom Tierreich emanzipiert und über alle Schöpfung erhoben hat, wie die ironische Einladung vor dem Deutschen Hygienemuseum in Dresden suggeriert? Dort wird ein Herkulesmensch mit goldener Krone von Scippy, dem Roboterschwein, umkreist. Scippy ersetzt den Eber im Stall und spart so Haltungskosten. Der fehlende Hinweis auf die terrestrische Tierwelt könnte allerdings auch ein Indiz dafür sein, dass Tiere der menschlichen Sphäre längst einverleibt sind: als Nahrungsmittel und Rohstofflieferant, als Versuchskaninchen oder gar als Organspender. In jedem Fall sichert das Tier die menschliche Existenz und nicht umgekehrt. Dass der Mensch, der sich als Krone der Schöpfung imaginiert, evolutionsbiologisch eben dieser Tierwelt entstammt und - wie die Genomentschlüsseler gerade gezeigt haben - kaum mehr Kapital auf die genetische Wagschale bringt als eine Fruchtfliege, fordert dabei das menschliche Selbstverständnis einmal mehr heraus.

Ein prekäres Verhältnis also, das die Dresdener Ausstellungsmacher unter der Leitung des Biologen Jasdan Joerges nach der erfolgreichen Schau über Normierung und Behinderung nun ausloten. Die umkämpfte Artengrenze, ihre (vergebliche) Sicherung und vielfältige Durchdringung ist das von dem Schweizer Szenografen Hugo Schär verantwortete bildgebende Leitmotiv. Jenseits eines Käfiggitters wird der Besucher durch einen fast klaustrophobisch wirkenden (zum Schutz der Exponate leider sehr dunkel gehaltenen) Gang geleitet. Von der Jagd- und Sammelleidenschaft des Menschen zeugen Tötungsinstrumente, dann die Tier-Menagerien, die im 19. Jahrhundert in den europäischen Metropolen Einzug hielten. Schönbrunn und Hagenbeck sind die Synonyme für den entstehenden Tierpark unter menschlicher Obhut. Während sie früher vor allem das Unterhaltungsbedürfnis befriedigten, sind sie heute zum Fluchtort für aussterbende Arten geworden, die mit Hilfe moderner Reproduktionstechnologie – etwa mittels Besamungskatheder für Elefantenkühe – erhalten werden.

Was der einen Art das Überleben sichert, bedeutet für die andere nicht artgerechtes Leben, Qual und am Ende den sicheren Tod. Der Eber, der auf einem künstlichen Sprungbock absamt, mag glücklich dran sein; doch wie steht es mit den Hühnern in den Legebatterien, den frühzeitig abgestillten Kälbern und ihren Mutterkühen, den Versuchskaninchen in den Labors, den gentechnisch hergestellten „Onco-Mäusen“? Die Ausstellung, so Museumsdirektor Vogel, dürfe nicht als Beitrag zum Tierschutz missverstanden werden und solle keine Seite anklagen, sondern lediglich, so wiederum Joerges, „die Position des Menschen in der Natur“ untersuchen.

So bleibt die Klage also den „stummen Dienern“ des Menschen überlassen. Den in „Hochzeitskleider“ gezwängten Schoßhündchen etwa, den geplagten Zugtieren, denen alle Agrargesellschaften ihren Siegeszug verdanken oder den 1,75 Millionen Pferden, die alleine im Zweiten Weltkrieg „fielen“. Ob nur „emotionale Zuerwerbsgemeinschaft“ (Claus-Peter Lieckfeld im Ausstellungskatalog) mit dem geliebten Haustier oder unmittelbarer Gewinn durch das Nutztier: (Fast) immer profitiert der Mensch – es sei denn, dass wir diversen Parasiten als Wirte dienen, die uns, im besten Fall, das Blut abzapfen und, im schlechtesten, mit Krankheiten aller Art beglücken. Davon erzählt die hübsche Präparatesammlung von Läusen, Milben, Zecken und sonstigen „heimlichen Bewohnern“, die sich am Menschen laben.

Doch wie der Mensch hat auch das Tier einen neuen Konkurrenten: Robot-Tiere sind auf dem Vormarsch, in Japan etwa der „Patientenbär“, der Pflegepersonal ersetzt und Patienten an die Einnahme ihrer Mahlzeiten und Medikamente erinnert. Die Attraktion der Ausstellung dürfte in dieser Hinsicht die Roboter-Katze „NeCoRo“ der Firma „Omro Electronics“ sein, eine pflegeleichte Billigvariante zur Hauskatze, die sich auf vielfältige Weise auszudrücken und an die Individualität ihres Herrchens anzupassen vermag. Das Kätzchen ist übrigens eines der wenigen „interaktiven“ Exponate in der ansonsten auf reine Schaulust ausgerichteten Ausstellung.

Dass die Artengrenze als Prinzip fragwürdig werden kann, mag das Beispiel Xenotransplantation – also die Übertragung von Tierorganen auf den Menschen – beleuchten. Abgesehen davon, dass das Thema wie viele andere in der durch den Umbau des Hygienemuseums recht beengten Ausstellung nur gestreift wird, hätte man daran die gegenseitige Durchdringung der Arten deutlich machen können.

Denn die Organe aus dem Schweinestall, die in den Menschen verpflanzt werden sollen, machen den Organempfänger nicht nur „tierischer“; momentan werden die Schweine, um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden, selbst „vermenschlicht“, indem ihnen Spermien mit Humangenen übertragen werden. Von der Tragweite dieser Entwicklung schweigt die Ausstellung, und man muss schon den Begleitband zu Rate ziehen, um „Chimärenwesen“ nicht nur als illustrative Accessoires wahrzunehmen.

Eingerissen wurde die mühsam errichtete Demarkationslinie zwischen Tier und Mensch im 19. Jahrhundert von der Evolutionsbiologie, die einerseits die tierische Herkunft der menschlichen Spezies nachwies, andererseits auch immer wieder nach ihrer Besonderheit fahndete: Ist es der aufrechte Gang? Die Größe des Gehirns? Die Fähigkeit, zu sprechen, zu lernen und abstrakt zu denken? Doch all dies, stellen Tierverhaltensforscher mittlerweile fest, können – in gewissen Grenzen – auch manche Tiere.

Die Grenze ist brüchig, erst recht im Zeitalter der Gentechnologie. Die große Vermischung setzen die Ausstellungsmacher am Ende in einem Kunst-Raum der Träume und Visionen zwischen Tümpeln aus Wasser, imaginärem Blut und Sperma, Fabelwesen und Genmonstern ins Bild. Eine trügerische Harmonie, aus der man als Besucher auch nicht aufgerüttelt wird, wenn man auf der anderen Seite des Gitters am Eingang wieder entlassen wird – diesmal als „Tier“ von den neu ankommenden Besuchern begafft.

Mensch und Tier. Eine paradoxe Beziehung. Ausstellung des Deutschen Hygienemuseums Dresden. Bis 10. August 2003. Der gleichnamige Begleitband ist im Hatje Cantz Verlag erschienen und kostet 19,80 Euro.

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